Jurastudium und ADHS

Die Aufmerksamkeitsdefizit- bzw. Hyperaktivitätsstörung wurde lange hauptsächlich als typische Kinderkrankheit wahrgenommen. Neuere Studien deuten darauf hin, dass viele ADHS-Patienten (bis zu 30 %) auch im Heranwachsenden- und Erwachsenenalter noch davon betroffen sind. Es würde zu weit führen, ADHS als Krankheit zu bezeichnen und in vielen Lebensbereichen gibt es für die davon Betroffenen keine oder kaum Einschränkungen oder sogar Vorteile. Die oft damit einhergehenden Nachteile bei Konzentration und Aufmerksamkeit führen jedoch im Studium, das stets ein Höchstmaß an Konzentration und Aufmerksamkeit erfordert, oftmals zu Schwierigkeiten. Es dürfte daher nicht schwerfallen, sich vorzustellen, welche Probleme in einem extrem anspruchsvollen Studiengang wie den Rechtswissenschaften bei ADHS-Patienten auftreten können.

A. Die Aufmerksamkeitsstörung

Vorweg ein paar Worte zum Problem selbst. Bei der Aufmerksamkeitsdefizit- bzw. Hyperaktivitätsstörung handelt es sich um eine psychische Störung, die insbesondere die Aufmerksamkeit und Impulsivität beeinflusst und oftmals auch eine ausgeprägte körperliche Unruhe mit einschließt. Insbesondere das letzte Merkmal hat zur saloppen Bezeichnung als „Zappelphillip-Syndrom“ geführt. Am häufigsten tritt sie im Kindes- und Heranwachsendenalter auf und klingt oft mit der Zeit ab; nicht wenige Patienten müssen aber auch noch als Erwachsene damit zurechtkommen, wobei die körperliche Unruhe oft keine Rolle mehr spielt. Die Ursachen sind mit hoher Wahrscheinlichkeit hauptsächlich genetisch, könnten aber auch psychosoziale Komponenten beinhalten.

ADHS bietet ein sehr vielgestaltiges Erscheinungsbild, das eine Vielzahl von Ausprägungen und Schweregraden umfasst. Die Diagnose gestaltet sich aufgrund dieser Vielgestaltigkeit und der Ähnlichkeit zu anderen Störungen oft schwierig, insbesondere da das Krankheitsbild lange Zeit als „Modediagnose“ zum Ruhigstellen zappeliger Kinder galt und auch gern als Lückenfüller bei ungeklärten psychischen Schwierigkeiten Erwachsener diente. Auch besteht eine erhöhte Komorbidität mit anderen psychischen Erkrankungen und Störungen. Die Ursachenforschung ist bis heute nicht abgeschlossen, doch gibt es mehrere Ansätze zur Behandlung mit Medikamenten und Psychotherapie.

Dabei ist festzuhalten, dass für einen optimalen Umgang mit ADHS stets BEIDE Behandlungswege, sowohl medikamentös wie psychotherapeutisch, in Anspruch genommen werden sollten.

I. Medikamentöse Behandlung

Der Bekannteste davon dürfte das Medikament Methylphenidat sein, das u.a. unter den Handelsnamen Ritalin und Medikinet vertrieben wird. Daneben gibt es aber auch psychotherapeutische Ansätze, die später zur Sprache kommen werden.

Insbesondere mittelschwere und schwere Beeinträchtigungen durch ADHS werden schon seit den 1950er Jahren mit Methylphenidat behandelt, zuweilen auch mit Amphetamin, was an den ähnlichen Eigenschaften der beiden Stoffe liegt. Beide haben auf ADHS-Patienten eine beruhigende Wirkung, obwohl sie gemeinhin als Aufputschmittel gelten. Dies wird als „paradoxe Wirkung“ bezeichnet. Wegen ihrer ähnlichen Eigenschaften fallen beide Stoffe unter das Betäubungsmittelgesetz.

Nach Einnahme des Medikaments, meist in einer Dosierung von 5 bis 20 mg, sind Konzentration und Aufmerksamkeit für drei bis fünf Stunden meist deutlich geschärft. Die Präparate Concerta und Medikinet retard sind retardierte Formen, die eine erheblich höhere Dosis enthalten, die jedoch über mehrere Stunden kontinuierlich an den Körper abgegeben wird. Zum Ende der Wirkungsdauer können sich die Symptome der ADHS sich kurzzeitig verstärken, was als Rebound-Effekt bekannt ist. Ein geringer Prozentsatz der ADHS-Patienten spricht nicht oder nicht genügend auf Methylphenidat an und muss stattdessen auf Amphetamin zurückgreifen.

II. Psychotherapie

Psychotherapeutische Ansätze zur Behandlung von ADHS umfassen Verhaltenstherapie, Psychoanalyse, Familientherapie und Ergotherapie. Die Psychoanalyse dient dabei jedoch hauptsächlich der Behandlung von Begleiterscheinungen wie Ängsten, Depressionen, Essstörungen und Suchtproblematiken, insbesondere da ADHS-Patienten für die letztgenannten oft verstärkt anfällig sind. Die Familien- und systemische Therapie dagegen dient vor allem der Behebung sozialer Probleme sowohl des Patienten als auch seines Umfeldes.

Die Verhaltenstherapie zielt dagegen darauf ab, den Umgang mit den Besonderheiten und Problemen der ADHS zu verbessern. Die angemessene Form hängt dabei stark vom Schweregrad ab, sie alle umfassen jedoch Formen des Selbstmanagements und der Verbesserung der Selbststeuerung.

B. Spezifische Probleme im Studium der Rechtswissenschaften

Abhängig vom Schweregrad kann ADHS bei der Bewältigung eines Studiums erhebliche Probleme verursachen. Die Rechtswissenschaften dürften aus mehreren Gründen ein herausragendes Beispiel darstellen: das Fachgebiet ist hochabstrakt und wenig eingängig, es erfordert eine gesonderte Denkweise, die nicht ohne Weiteres zu erlernen ist. Man benötigt zuweilen ein ausgeprägtes Durchhaltevermögen und eine hohe Frustrationstoleranz. Hinzu kommt die Notwendigkeit zu stundenlanger hochkonzentrierter Arbeit, insbesondere bei Hausarbeiten, Lernphasen und in den Klausuren späterer Semester. Die angehenden Juristen werden ins kalte Wasser geworfen, mit ihren Problemen allein gelassen und die Angst vor Prüfungen und Examina systematisch geschürt. Und nicht zuletzt geht es bei der juristischen Fallbearbeitung meist eher um geduldige und konsequente Bearbeitung über mehrere Stunden und weniger um kühne Intuitionssprünge.

All das stellt Studenten mit ausgeprägten Konzentrationsschwierigkeiten vor erhebliche Probleme, insbesondere wenn man bedenkt, dass ADHS-Patienten vermehrt zur Entwicklung psychischer Probleme und Krankheiten neigen, die im Studium der Rechtswissenschaften ohnehin stets eine Rolle spielen.

I. Gegenmaßnahmen für spezifische ADHS-Probleme

1. Lern- und Arbeitsproblematik

Die gute Nachricht ist, dass man diesen Problemen nicht hilflos ausgeliefert ist, sondern Gegenmaßnahmen ergreifen kann. Medikamente und Psychotherapien können die Symptome lindern und den Umgang damit erheblich erleichtern. Hinzu müssen jedoch weitere Strukturierungs- und Ausgleichsmaßnahmen treten, die auch für andere Studenten nützlich sind: ein geregelter Tagesablauf, genügend Abwechslung, Bewegung und Ausgleich für die harte Arbeit, die ADHS-Patienten oft doppelt schwer fällt. Aber immerhin ist ADHS beim Lernen und Arbeiten nicht ausschließlich hinderlich, da gerade die sie auszeichnende Impulsivität und Quecksilbrigkeit manchmal zu unerwarteten Gedanken- und Intuitionssprüngen und genialen Ideen führen kann, die – richtig angewandt – von Vorteil sein können.

Die verminderte Konzentrationsfähigkeit und vermehrte Ablenkbarkeit sorgt insbesondere in Phasen, in denen länger andauernde Hochkonzentration erforderlich ist, für Probleme. Das betrifft nicht nur die Schwierigkeit, sich überhaupt auf die Arbeit oder den Vortrag einer Person zu konzentrieren, sondern auch die Tendenz, wegen dieser Probleme rasch aufzugeben oder abzuschalten. Klausuren werden so oft zur Tortur, da es hier ganz besonders um Geduld, Durchhaltevermögen und Bedächtigkeit geht: ADHS-Betroffenen haben tendenziell noch mehr Schwierigkeiten, genügend tief in eine Materie, eine Methodologie oder einen Fall einzudringen, um alles richtig verstehen und bearbeiten zu können. Da Interesse, Aufmerksamkeit und Motivation oft rasch erlöschen, fällt die Bearbeitung doppelt und dreifach schwer – was auch das Erlernen dieser unentbehrlichen Fertigkeiten sehr viel schwieriger macht. Das führt zu Frustration und Misserfolgserlebnissen, welche der Motivation wenig förderlich sind und leicht in eine negative Feedbackschleife münden können.

In den Vorlesungen und Übungen ergeben sich ähnliche Schwierigkeiten wie in der Schule. Die Aufmerksamkeit schwindet rasch dahin und ehe man sich versieht, hat man auf Durchzug geschaltet, ist in der Masse der Studenten untergetaucht und bekommt nicht mehr viel mit, ob man nun will oder nicht. So fällt die klassische Wissensvermittlung an der Universität doppelt schwer. Wer sich nun an die Repetitorien wendet und auf Besserung hofft, hofft oft vergebens, da auch dort die Kurse meist überlaufen sind und Abschalten und Untertauchen immer noch viel zu einfach ist.

Gerade für Studenten mit ADHS-Symptomatik empfiehlt sich daher der Gang zum Einzelrepetitor. Der unschätzbare Vorteil dieser Unterrichtsform ist, dass ein Abdriften der Aufmerksamkeit kaum möglich ist, da genau ein Schüler auf einen Lehrer kommt. Das zwingt zur Konzentration und fördert Durchhaltevermögen und Motivation, da Wegducken und Abdriften kaum möglich sind. Diese Unterrichtsform ist zwar etwas teurer und auch anstrengender, die Mehrausgabe kann jedoch den entscheidenden Unterschied darstellen, der zur Vermittlung der nötigen Kenntnisse und Fertigkeiten benötigt wird.

2. Organisation und Struktur

Was für andere Studenten gilt, gilt für ADHS-Patienten doppelt und dreifach: sie bedürfen einer halbwegs festen Tages- und Lernstruktur, um die ihnen eigene Quecksilbrigkeit und Sprunghaftigkeit in den Lern- und Arbeitsphasen auf ein produktives Maß reduzieren zu können. Andererseits bedarf es auch für sie des nötigen Ausgleichs wie Bewegung, Abwechslung und sozialer Interaktion, um sich für die titanische Arbeits- und Selbstkontrollleistung auch angemessen zu belohnen.

III. Zusammenfassung

Obwohl ein Jurastudium für Studenten mit ADHS sicher schwierig werden dürfte, gibt es doch abhängig vom Schweregrad ausreichende Möglichkeiten, die damit einhergehenden Probleme zu meistern. Hilfreich ist eine angemessene medikamentöse und psychologische Behandlung, um die störenden Symptome dämpfen zu können und damit umgehen zu lernen. Da das Jurastudium schon schwer genug ist, sollte sich niemand zu fein sein, sich im Zweifelsfall Hilfe zu suchen. Das gilt sowohl für psychische Beschwerden, die in diesem Studiengang stets ein Thema sind, als auch für Hilfe beim Lernen und bei der Examensvorbereitung. Der Gang zum Einzelrepetitor wird dringend empfohlen!

Anmerkungen

Jura Individuell informiert Sie über das juristische Studium vom ersten Semester bis zum zweiten Staatsexamen. Lesen Sie daher unsere nützlichen Artikel zur Motivation im Studium, über die Organisation und Struktur im Jura-Studium, über die Überwindung von Prüfungsangst, warum man sich für ein Jura Studium entscheiden sollte und was man gegen Lernprobleme machen kann. Außerdem beschäftigen sich unsere Artikel mit den Themen  des richtigen Lernens im Studium, dem Schutz gegen Überarbeitung  (Burnout) und wie man sich verhalten sollte, wenn man durch eine Prüfung durchgefallen ist. Weiterhin geben wir nützliche Tipps  zur Anfertigung einer Klausur oder Hausarbeit  sowie Vorbreitungshilfestellungen für die mündiche Prüfung.

Des weiteren erhalten Sie Hilfestellungen bei der Vorbereitung und Anfertigung der  Abschluss-, Schein-, Zwischenprüfungsklausuren (Zivilrecht, Öffentliches Recht, Strafrecht) und des  Staatexamen (Ablauf, mündliche Prüfung, Die Klausuren, Die Vorbereitung, Examen im Zivilrecht, Examensplan). Wir informieren Sie ebenfalls über Crashkurse zur Vorbereitung auf Klausuren und das Referendariat (Der erste Tag, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz).

Erfahren Sie mehr über die Tradition der Repetitorien, die Geschichte der modernen Universität, das Beamtentum, die Notwendigkeit der Repetitorien bei der Klausur- und Examensvorbereitung, die verschiedenen Formen von Repetitorien, den Ablauf des Individualunterrichtes sowie den Nutzen von ergänzenden juristischen Privatunterricht.

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