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Jura Lernen

Ein universales Problem aller Studenten ist die Frage, was man eigentlich lernen soll, und jeder Studiengang hat seine eigene überlieferte Methode, damit umzugehen. Den Medizinern wird beispielsweise nachgesagt, das Auswendiglernen zu bevorzugen, während Mathematiker angeblich lieber systematisch herleiten. Interessanterweise gibt es derartige Vorurteile nicht über Juristen, was den Rückschluß nahelegt, daß es keine hergebrachte und allgemein akzeptierte Vorgehensweise für die juristische Ausbildung gibt. Wie soll der angehende Jurist -nachdem er sich mit der Frage “warum Jura” beschäftigt hat, also lernen, und was soll er lernen? Um diese Frage zu beantworten, lohnt es sich, etwas weiter auszuholen und in die Tiefe zu gehen.

Strukturen oder Fakten?

Der Unterschied zwischen den erwähnten Beispielgruppen Medizin und Mathematik liegt in den unterschiedlichen Anforderungen begründet, die an Angehörige dieser Berufsgruppen gestellt werden, aber auch in den Unterschieden in der Struktur und Systematik beider Bereiche. Wenden wir uns zunächst der Medizin zu: die Anatomie und die Funktion des menschlichen Körpers folgen zwar grundlegenden Regeln, jedoch sind diese sehr komplex und spielen in der Praxis keine große Rolle. Mit Herleiten kommt man nicht weit, die ungeheure Vielzahl der Krankheitsbilder und Behandlungsmethoden erfordern ein großes Maß an Detailwissen und im Notfall ein schnelles, geradezu reflexartiges Handeln, so daß es sich lohnt, sein Wissen ständig parat zu haben und sich nicht zu lange mit Strukturen aufzuhalten. Kasuistisches Denken und Handeln hat hier Priorität, und die erforderlichen Kenntnisse müssen im Kopf stecken, so daß die Medizin das Auswendiglernen begünstigt.

Die Mathematik beschreitet einen anderen Weg. Als Naturwissenschaft folgt sie logischen Regeln und Gesetzen, die einander bedingen und nur sehr selten Veränderungen unterliegen. Zwar müssen viele dieser Gesetze auswendig gelernt werden, jedoch können sie mit hinreichender Kenntnis der grundlegenden Strukturen selbst hergeleitet und verstanden werden. Auch hat ein Mathematiker mehr Muße als ein Mediziner, es droht kein Ringen um Leben und Tod. Die Mathematik begünstigt also das Lernen von Strukturen.

Wie steht es mit der Juristerei? Obwohl die Rechtswissenschaft keine exakte Naturwissenschaft ist, sind ihre Strukturen einer solchen in mancher Hinsicht ähnlich. Auch die Rechtswissenschaft folgt ähnlich der Mathematik oder Physik einer strengen Systematik und basiert auf Logik und Gesetzen, jedoch bilden nicht die Naturgesetze ihre Grundlage, sondern die Anforderungen der Gesellschaft und des Menschen. Zwar verändern sich diese Anforderungen und Strukturen mit der Zeit immer wieder, jedoch erfolgt dieser Prozeß zumeist eher schleichend. Gleichzeitig gilt es jedoch eine gewaltige Fülle von Details und Sonderregelungen zu beachten, die sich ständig verändern und bei der Prüfung oder im richtigen Leben schnell parat sein müssen, so daß die Rechtswissenschaft eine Zwischenstellung einzunehmen scheint: das Lernen von grundlegenden Strukturen ist ebenso wichtig wie das Detailwissen.

Es gibt jedoch einen Unterschied zu beachten. Im Gegensatz zur Medizinern und Mathematikern arbeiten Juristen in aller Regel mit der Hilfe von Büchern, Gesetzestexten und Kommentaren, welche die Menge des auswendig zu lernenden Stoffes begrenzen helfen. Es kann auch kaum anders sein, da Lehrmeinungen und Vorschriften einem steten Wechsel unterliegen und schnell veralten, und es wäre zu viel verlangt, immer alles parat zu haben – auch Juristen sind nur Menschen. Kandidaten im ersten Staatsexamen haben es in ihren Klausuren etwas schwerer, ihnen gibt man keine Kommentare, sondern nur Gesetzestexte. Aber das hilft dabei, den Blick dafür zu schärfen, was unbedingt verinnerlicht werden muß, und das sind die Strukturen des Rechtswesens. Zwar sollte man gewisse Schlüsselvorschriften unbedingt im Kopf haben, damit man nicht erst lange suchen muß, aber es hat keinen Zweck, jedes Detail aus Gesetzen oder Lehrmeinungen und Urteilen verinnerlichen zu wollen.

Ziel der juristischen Ausbildung ist neben der Vermittlung der notwendigen Kenntnisse auch der Aufbau einer bestimmten Denkstruktur, welche das juristische Arbeiten vereinfacht. Diese Struktur wird z.B. in den Prüfungsschemata greifbar und folgt recht einfachen Regeln, die dem Flussdiagramm eines Computerprogrammes gleichen. Auch die dogmatischen Strukturen, auf denen die Gesetze und staatlichen Strukturen beruhen, sind ganz ähnlich aufgebaut und lassen sich wie mathematische Formeln auseinander herleiten. Die dafür erforderlichen gedanklichen Prozesse sind zwar an sich nicht sonderlich schwierig, haben aber mit dem Gedankengang von Normalsterblichen nicht viel gemein, was es Außenstehenden schwer macht, in die juristische Gedanken- und Vorstellungswelt Eingang zu finden. Zu diesen Außenstehenden zählen unglücklicherweise auch angehende Juristen, die oft den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen können und statt einfacher, klarer Strukturen nur ein wüstes Gewirr erkennen, das keinen Sinn zu ergeben scheint und keinem unterliegenden Prinzip folgt. Die bescheidene Qualität der Ausbildung tut ein Übriges, die Strukturen zu vernebeln.

Verloren im Paragraphendschungel

Das juristische Lernen wurde einmal mit der Erforschung eines dichten und weitläufigen Dschungels verglichen. In der Tat ist das Rechtswesen auf den ersten Blick ein gewaltiger Wust von Vorschriften und Regelungen, das man als Außenstehender nur schwer durchschauen kann und in dem gefährliche Fallen und Raubtiere lauern. Der Lernprozeß gleicht dem mühseligen Bahnen von Pfaden mit der Machete, so daß man immer neue Teile des Waldes kennenlernt, ohne im Dickicht jemals den ganzen Dschungel auf einmal sehen zu können. Obendrein wachsen die Pfade hinter dem Forscher immer wieder zu, denn die Vorschriften und Vorgaben verändern sich dauernd, und ein Teil des Waldes, den man länger nicht besucht hat, kann einen fremdartigen Anblick bieten, da die Gewächse am Wegesrand sich sehr verändert haben. Selbst die erfahrensten Kenner des Dschungels kennen nicht jeden Baum und jeden Strauch, und die meisten fühlen sich nur in bestimmten Teilen des Waldes wirklich zu Hause und bemerken die Veränderungen der Vegetation.

Um beim Bild des Dschungels zu bleiben: es ist ein aussichtsloses Unterfangen, jedes Gewächs im ganzen Dschungel kennen zu wollen, dafür ist er einfach zu groß und verändert sich zu schnell. Das grundlegende Terrain, auf dem der Wald wächst, bleibt jedoch länger erkennbar, und der Wald wächst an vielen Stellen nicht so dicht wie anderswo. Im fortgeschrittenen Stadium der Ausbildung ist es dem Dschungelbewohner auch gestattet, umfangreiche Bestimmungsbücher und Kartenwerke (Kommentare und Gesetze) zu benutzen, welche es sehr viel einfacher machen, den richtigen Weg zu finden und Hinweise auf die Schwachstellen im Dickicht geben. Aber auch der richtige Gebrauch der Machete will gelernt sein, damit man die Pflanzen schnell und effizient zerteilen und seinen Weg finden kann.

Wer sich später jeden Tag im Dschungel bewegen will, muß eine Methode der Orientierung und Wegfindung entwickeln. Dabei muß ein Mittelweg zwischen relevantem Detailwissen und notwendigem Strukturwissen gefunden werden, der eine schnelle und zuverlässige Orientierung gestattet: man muß nicht nur die Wege kennen, sondern auch markante Punkte erkennen können, denn nur beides zusammen ergänzt sich zu einem brauchbaren Orientierungsvermögen. Zur Illustration: der Anblick einer vertrauten Umgebung hilft ohne eine Karte nicht unbedingt weiter, aber auch eine Karte allein nützt ohne einen bekannten Referenzpunkt nicht viel.

Zusammenfassung

Angehende Juristen sollten also einen deutlichen Schwerpunkt auf das Studium der Strukturen legen, aber sich auch die wichtigsten Vorschriften wenigstens in ihren Grundzügen einprägen. Alles andere, was sie brauchen, findet sich in den Kommentaren und Gesetzen.

Zur Ergänzung siehe auch die in den Kategorien Juristische Ausbildung und Examensvorbereitung veröffentlichten Aufsätze.

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Samstag, 29.05.2010 Juristische Ausbildung Christopher Meyer-Kretschmer

Christopher Meyer-Kretschmer ist Rechtsanwalt in Münster.

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