Selbstständiges Schreiben von Klausuren

Das Schreiben von Klausuren gehört zu den wichtigsten Fertigkeiten jedes Studenten und erst recht jedes Examenskandidaten. Bei vielen ist es bis zum sicheren und vor allem erfolgreichen Bearbeiten einer Klausur jedoch ein weiter Weg, denn ganz abgesehen von den erforderlichen Fachkenntnissen, die man beherrschen muss, ist das Schreiben einer Klausur eine Art Kunstform, die sich nicht immer leicht erschließt. Ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum selbständigen und erfolgreichen Schreiben einer Klausur besteht darin, sich von den Lösungsskizzen und Lehrbüchern zu lösen, die ein Anfänger zur Falllösung braucht.

Das ist oft viel schwieriger, als man denkt. Manchem dürfte die folgende Situation bekannt vorkommen: man hat fleißig Vorlesungen besucht und sitzt nun vor seiner Klausur. Doch während in den Übungen und Lehrbüchern die Lösungen elegant und folgerichtig Gestalt annahmen, will es einem selbst nicht recht gelingen, etwas Brauchbares zu Papier zu bringen, bis man womöglich entnervt aufgibt. Sofern man die Klausur tatsächlich abgegeben hat, ist die Note meist verheerend, und bei der Besprechung ist es niederschmetternd, mit ansehen zu müssen, was man alles falsch gemacht hat… und dabei sieht die Lösung an der Tafel wieder so übersichtlich, logisch und einfach aus, dass man verzweifeln möchte und sich für einen Holzkopf hält. Mit so einem Feedback können Klausuren zur Tortur werden, und wenn sich dieser Ablauf zu oft wiederholt, hat man irgendwann keine Lust mehr, sich anzustrengen – „wird ja doch nichts“. Leider sind die Korrektoren und Klausurbesprechungen oft ebenfalls keine Hilfe, da man dort lediglich erfährt, wie eine korrekte Lösung hätte aussehen können – aber nicht, was man falsch gemacht hat.

Im kalten Wasser

Die Hauptschwierigkeit in solchen Fällen ist oft, dass man nicht mit der richtigen Einstellung an die Sache herangeht. Eine Klausur – oder auch nur einen Fall – ohne Hilfe allein lösen zu müssen, ist etwas vollkommen anderes, als im Lehrbuch eine vorgefertigte Lösung nachzuzeichnen oder der Besprechung zuzuhören. Das lässt sich mit einem Lehrgang zum Schwimmen vergleichen. Auf der Tafel am sicheren Beckenrand oder bei der Trockenübung im Kinderbecken sieht alles ganz einfach aus, aber sobald man selbst ins tiefere Wasser geht und ohne Hilfe schwimmen soll, verändert sich die Perspektive dramatisch. Noch dazu gibt es in diesem Schwimmbecken weder Rettungsschwimmer noch Schwimmlehrer, stattdessen steht das Ausbildungspersonal (die Korrektoren) unbeteiligt am Beckenrand und vermerkt scheinbar unbarmherzig jeden Fehler. Insbesondere diejenigen, die ziemlich viel Wasser geschluckt haben oder sich nicht oben halten konnten, sind ziemlich rasch entnervt, weil es seitens des Lehrpersonals so gut wie kein konstruktives oder positives Feedback gibt. Da ist es kein Wunder, dass gerade diejenigen, die sich mit dem Schwimmen schwer tun, das tiefe Becken scheuen. Aber das Schwimmen kann man leider nur dort lernen, und nur dort kann man auch die Prüfung bestehen – ohne Schwimmflügel und andere Hilfen.

Ein Teil des Problems ist sicher die Tendenz, Schüler und Studenten anhand vorgefertigter Lösungsskizzen auszubilden. Diese sehen zwar schön und elegant aus, aber ohne die notwendige Fähigkeit zum selbständigen Denken und Arbeiten, die in der Ausbildung seit jeher oft vernachlässigt wird, sind sie nicht viel wert. Mit einem Lehrbuch oder einer Lösungsskizze lassen sich Fälle vergleichsweise leicht lösen, aber in der Klausur muss es ohne diese Hilfsmittel gehen, und wer nicht dazu ausgebildet wurde, kommt dabei leicht in Schwierigkeiten. Der Leistungs- und Erwartungsdruck potenziert sich, und vor lauter Angst, einen Fehler zu machen, kommt man kaum vom Fleck. Anders als im wirklichen Schwimmunterricht, wo man vom Lehrer über Wasser gehalten wird und die notwendigen Bewegungen beigebracht bekommt, mit deren Hilfe man selbst schwimmen kann, gibt es beim Klausurenschreiben im metaphorischen Becken keine Hilfe.

Es ist ein gewaltiger Unterschied, ob man von etwas nur liest oder es selbst tun muss – ganz besonders dann, wenn man diesen Schritt ohne Hilfe tun muss. Man muss die Weisheiten, die in Lehrbuch oder Lösungsskizze enthalten sind, eben nicht nur lesen und verstehen können, sondern soweit verinnerlichen, dass man sie selbst korrekt anwenden kann. Außerdem müssen die Strukturen der Falllösung und die in der Klausur zu verwendende Wortwahl verinnerlicht werden, so dass man nicht erst lange nachdenken (oder gar irgendwo nachsehen) muss, was nur unnötig Zeit kostet. Aber wie soll man das anstellen?

Die Elemente einer Klausur

Das Lösen einer Klausur kann grob in drei Schritte unterteilt werden:

  1. Aufbereiten der in der Fallbeschreibung enthaltenen Informationen
  2. Verarbeitung dieser Informationen über das Durchlaufen des richtigen Lösungsweges
  3. Wiedergabe dieses Lösungsweges und des Ergebnisses in der Ausformulierung.

Grundsätzlich sind Falllösungen und Klausuren gar nicht so schwierig. Obwohl sie auf den ersten Blick große Ähnlichkeit mit beliebigen anderen Texten haben, unterscheiden sie sich doch stark von ihnen: sie sind zugleich hochspezialisiert in Thematik und Form und stark beschränkt in Ausdruck und Stil. Sie haben eher Ähnlichkeit mit eingekleideten Rechenaufgaben in der Mathematik, hier wie dort geht es um die Übersetzung einer Aufgabenstellung in eine zu verarbeitende Formel, einen logischen Lösungsweg und die korrekte sprachliche Formulierung. In jedem Fall muss der Lösungsweg stimmen, der Jurist muss seinen Lösungsweg aber durch sprachliche Formulierungen statt durch mathematische Formeln darlegen. Doch haben auch diese haben etwas Formelhaftes  und sind sich stets sehr ähnlich, so dass sie einem leicht in Fleisch und Blut übergehen können.

Fassen wir noch einmal zusammen. Wie ist es bei einer eingekleideten Rechenaufgabe? Die Aufgabenstellung enthält alle nötigen Informationen, um die gestellte Frage zu beantworten. Dazu wird die Aufgabenstellung aller überflüssigen Informationen entkleidet und in logische Elemente zerlegt, aus denen dann mit Hilfe der richtigen Formel die Rechenaufgabe konstruiert wird, die dann über den richtigen Lösungsweg zum korrekten Ergebnis führt. Dieses Ergebnis wird dann wiederum mit Sprache umkleidet zum Antwortsatz.

Ganz ähnlich verhält es sich mit einer juristischen Falllösung. Auch hier werden  aus der Fallbeschreibung die relevanten Informationen herausgefiltert und zu logischen Elementen reduziert. Diese Informationen werden dann mit Hilfe des Lösungsschemas zur eigentlichen Aufgabe zusammengesetzt, die mit dem richtigen Lösungsweg zur korrekten Lösung führt. Statt mit einer mathematischen Formel wird der Lösungsweg jedoch mit Worten beschrieben, die ebenfalls recht formelhaften Charakter haben. Daher sind die Ausdrucksmittel in einer Klausur auch ziemlich beschränkt, so dass es mit etwas Übung leicht fällt, sie zusammenzustückeln, ohne viel nachdenken zu müssen. Sprachliche Kreativität und blumige Formulierungen sind bei der Ausformulierung einer Klausur nicht gefragt.

Natürlich gibt es trotz prinzipieller Ähnlichkeiten auch himmelweite Unterschiede. Vor allem muss der Jurist auch die Kunst der Differenzierung zwischen Wichtig und Unwichtig, Richtig und Falsch sowie Recht und Unrecht beherrschen, was für jeden der drei Schritte unverzichtbar ist. Außerdem müssen nicht nur die logischen Schritte und Schemata beherrscht werden, die zur Lösung führen, sondern sie müssen auch so ausgedrückt und beschrieben werden, dass der Korrektor dem Lösungsweg leicht folgen kann, so dass es ihm leicht fällt, dem Probanden eine gute Note zu geben.

Übung macht den Meister

Selbstverständlich schreibt sich all das leicht dahin und kann ebenso leicht gelesen werden. Die tatsächliche Umsetzung ist naturgemäß viel schwieriger, und das bedeutet vor allem eines: eine Menge Arbeit. Schreibarbeit, denn der einzige Weg, das Schreiben von Klausuren zu lernen, ist leider das Schreiben von Klausuren. Ganz egal wie anstrengend und angsteinflößend es ist: man wird nicht um die Tatsache herum kommen, dass man Scheine und Examina zum größten Teil durch das Schreiben von Klausuren ablegt. Wer Jurist werden will, muss Klausuren schreiben können – so einfach ist das.

Entsprechend sollte man sich spätestens in der Examensvorbereitung daran machen, die Kunst zu erlernen, gute (oder doch wenigstens ausreichende) Klausuren zu schreiben. Dazu ist ein Klausurenkurs unverzichtbar, denn neben dem juristischen Rüstzeug und den Kniffen zur Lösung und Formulierung braucht man vor allem Erfahrung und Ausdauer. Fünf Stunden sind viel Zeit, doch können sie in der Klausur entweder zur unendlichen Tortur werden (wenn einem nichts einfällt oder man sich verrennt) oder viel zu schnell vorbei sein (wenn man eine Lösung weiß, sie aber nicht schnell genug zu Papier bringt). Es hilft leider nichts – am Klausurenkurs mit all seiner Arbeit und all seinem Frust kommt man nicht vorbei. Man kann also genausogut aus der Not eine Tugend machen und sich mit Nachdruck daran begeben, dem Mysterium der Klausuren beizukommen.  Das geht wirklich… ich weiß es, denn ich musste jeden einzelnen der beschriebenen Schritte gehen, bis es endlich klappte.

Anmerkungen

siehe auch: Schreiben einer Jura-Klausur- Ablauf

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