Die persönliche Examensreife

Die Auswahl des Zeitpunkts, zu dem man sich zum Examen anmeldet, ist von großer Bedeutung. Von diesem Termin hängt eine ganze Menge ab, denn bis dahin muss nicht nur die inhaltliche und qualifikatorische Vorbereitung abgeschlossen sein, sondern man sollte sich idealerweise auch bereit fühlen, diesen gewaltigen Schritt zu wagen. Abgesehen davon geht es nach dem Examen sofort weiter, sei es nun im Vorbereitungsdienst oder als Wiederholer, so dass der Zeitpunkt gut gewählt sein sollte. Doch wann ist dieser richtige Zeitpunkt? Woher weiß man, ob man bereit ist?

Die Auswahl des richtigen Zeitpunkts ist für viele angehende Juristen sehr viel schwieriger, als es im ersten Moment den Anschein hat. Das Examen stellt in mehr als einer Hinsicht einen enormen Sprung dar: zum allerersten Mal zählt das Prüfungsergebnis wirklich, alles wird auf einmal präsentiert, und man hat nur zwei Versuche – nicht wie im Studium, wo die Herausforderungen sehr viel bescheidener waren. Klar, dass man da gut vorbereitet sein will, und so investieren viele ein enormes Arbeitspensum in diese Vorbereitungen. Doch leider ist es nicht wie in der Schule, wo man oft nur genug Stoff einpauken musste, um ein halbwegs akzeptables Ergebnis zu produzieren. Hier geht es auch um Fertigkeiten, die in der Ausbildung meist nur unzureichend oder gar nicht vermittelt werden, und dazu gehört das richtige Aufbereiten und Bearbeiten von Fällen, das korrekte Schreiben von Klausuren und das Erlernen der entscheidenden sachlichen Inhalte und fachlichen Qualifikationen.

Gerade für zögerliche Wackelkandidaten, aber auch für die meisten anderen ist es schwierig, den richtigen Zeitpunkt zu bestimmen. Wann ist man genügend vorbereitet und kann den großen Sprung wagen? Wann sollte man besser davon absehen? Was ist das entscheidende Moment, das einem sagt, dass es endlich losgehen kann? In vielen Fällen ist die Antwort einfach, wenn auch wenig hilfreich: so etwas wie den perfekten Moment gibt es nicht. Es steht damit ähnlich wie mit dem richtigen Augenblick zum Kauf eines neuen Computers oder dem Handel mit Aktien: wer auf den perfekten Moment wartet, der kann unter Umständen ewig warten. Denn der perfekte Augenblick, sich zum Examen anzumelden, ist sowohl extrem subjektiv als auch objektiv schwer fassbar; es ist eine Mischung aus Bauchgefühl und harter, effizienter Arbeit. Sowohl das eigene Gefühl wie auch die objektive Eignung müssen stimmen, und dieser Zustand ist insbesondere für ängstliche oder unsichere Naturen nur sehr schwer zu erreichen oder zu erfühlen.

Der richtige Zeitpunkt

Doch auch wenn es für die meisten keinen idealen Zeitpunkt gibt, kann man doch immerhin einige Anzeichen zusammentragen, die dafür sprechen können, dass man bereit ist. Ein Indiz ist eine hinlängliche Anzahl geschriebener Übungsklausuren, die mit „Ausreichend“ oder besser bewertet wurden. An den Übungsklausuren führt ohnehin kein Weg vorbei, und man sollte schon ein paar Dutzend davon unter dem Gürtel haben, bevor man sich anmeldet. Nur so kann man die unerlässliche Routine und Gelassenheit erwerben, die man im Examen unbedingt brauchen wird

Ein wichtiger, wenn auch zuweilen trügerischer Indikator ist das Bauchgefühl, die Moral. Wenn man die ewige Furcht und Unsicherheit ablegen kann und sich fühlt wie ein Fechter, der durchtrainiert mit einer vertrauten und bestens ausgewogenen Klinge ins Duell geht, ist das ein ausgesprochen vielversprechendes Zeichen. Denn auf jeden Fall wird einem eine solche positive Einstellung mehr helfen als noch so viele weitere Monate weiterer Vorbereitung. Bei meinem ersten Versuch für das zweite Staatsexamen empfand ich noch lähmende Furcht, doch beim zweiten Versuch ging ich mit Kampfgeist ins Gefecht. Eine gute Einstellung kann zwar kaum fachliche Mängel überspielen, doch sie kann dabei helfen, die Angst zu besiegen und mit ihr einhergehende Hindernisse zu überwinden, so dass man die vorhandenen Fertigkeiten besser nutzen kann. Das kann durchaus den Unterschied zwischen Durchfallen und Bestehen ausmachen, denn die Furcht lähmt nicht nur die Initiative, sondern trübt auch die Wahrnehmung. Wer nicht so viel Angst hat, sieht viele Dinge klarer und kann sich besser darauf konzentrieren, den Sachverhalt zu analysieren und Probleme zu suchen (und zu lösen).

Aufschieberitis

Ein im Jurastudium sehr oft zu beobachtendes Phänomen ist das immer weitere Hinauszögern des Examenstermins. Jeder angehende Jurist ist sich natürlich bewusst, dass das Examen schwierig und sehr herausfordernd ist, und trachtet deshalb nach der bestmöglichen Vorbereitung. Gerade denjenigen, die sich mit dem Erlernen der erforderlichen Fertigkeiten und Kenntnisse schwer tun – gleichviel ob sie nun nicht richtig lernen, nicht das Richtige lernen oder schlichtweg nicht das Zeug zum Juristen haben -, fällt es schwer, einen Grad an Vorbereitung zu erreichen, der ihnen genügend scheint. Gerade für unsichere und/oder ängstliche Kandidaten ist das ein großes Problem, da es auch unter den besten Umständen sehr schwer fällt, zu ermessen, wann man genügend vorbereitet ist. Wenn der Notenschnitt dagegen verheerend und das Selbstwertgefühl im Keller ist, kann von einer genügenden Vorbereitung natürlich keine Rede sein. Entsprechend traut man sich nicht, sich schon zum Examen anzumelden, und hängt lieber noch etwas mehr Zeit dran, um noch besser vorbereitet zu sein.

Aber wenn man die entscheidenden Hindernisse, die einer guten Vorbereitung im Wege stehen, nicht beseitigt, weil man sie nicht (er-)kennt oder nicht selbst überwinden kann, führt das oft nur zu einem immer weiteren Hinausschieben des Examenstermins, während die Noten weiterhin im Keller dümpeln und das eigene Selbstbewußtsein sich früher oder später ebenfalls dort einmietet. So geht es den Kandidaten ähnlich wie der seit langem in Aussicht gestellten Einführung kommerziell nutzbarer Fusionsreaktoren, die heute wie schon vor Jahrzehnten „in fünfzig Jahren“ erfolgen sollte: der große Tag bleibt stets in weiter Ferne, egal wie viel Zeit bereits verstrichen ist. Und etwas anderes machen? Aber doch nicht jetzt, nachdem man bereits so viel Zeit und Mühe investiert hat und so kurz vor dem Examen steht! Und da die Noten nicht besser und das Selbstbewußtsein und die Initiative immer mickriger werden, steht zu befürchten, dass diese Kandidaten den Sprung womöglich niemals schaffen und irgendwann vom BAFöG in die Frührente überführt werden. Manchmal steckt auch etwas Tiefenpsychologie darin: wenn man nicht antritt, geht man der schrecklichen und lange gefürchteten Prüfung aus dem Weg, kann nicht durchfallen oder feststellen, dass man sich nicht traut… doch der Preis dafür ist eine Art Starre, die mit zunehmender Dauer immer unerträglicher wird, da man nicht vor und nicht zurück kann.

Den Absprung schaffen

Wie kann man sich davor bewahren? Eine mögliche Methode ist, die kritischen Schwachpunkte zu identifizieren und zu beheben, die einen daran hindern, examens-/praxistaugliche Klausurnoten und/oder Kenntnisse zu erlangen. Diese können vielgestaltig sein, doch meistens liegt es nicht am investierten Arbeitsaufwand, der bei vielen Kandidaten außergewöhnlich hoch ist. Viel häufiger kommt es vor, dass die Arbeit nicht effizient ist, da die gelernten Fakten nicht so eingesetzt werden können, dass der Kandidaten mit ihnen das Ziel erreicht. Oft sind es einige wenige wiederkehrende Schwächen, die verhindern, dass die viele Arbeit sich irgendwann auszahlt. Dazu zählt z.B. ein mangelhaftes Verständnis dessen, worauf es bei der Falllösung und Klausurbearbeitung ankommt, oder auch Probleme mit der Aufgabe, vorhandenes Faktenwissen auf die stets verschiedenen Fälle anzuwenden und so gewinnbringend umzusetzen. Vor dem Hintergrund eines extremen Arbeitsaufwands ohne merkliche Fortschritte kann es jedoch kaum verwundern, dass manche Kandidaten auch schlicht die Lust verlieren und sich kaum noch zum Arbeiten motivieren können.

Aus diesem Grund ist es zwingend erforderlich, die betreffenden Fehler auszumerzen. Dies ist jedoch gar nicht so einfach, denn die Bemerkungen der Klausurbearbeiter sind oft kryptisch, spärlich und in den meisten Fällen nicht sonderlich hilfreich. Noch dazu sind viele Kandidaten in ihren ineffizienten Arbeits- und Betrachtungsweisen so eingefahren, dass es schwerfällt, die lange etablierten Routinen zu ändern. Am besten findet die Analyse der kritischen Schwachpunkte im Team mit einem erfahrenen Klausurbearbeiter statt, der dem Kandidaten eingehend darlegen kann, was noch falsch läuft. Viele Wackelkandidaten reden zwar nicht gern über ihre Schwierigkeiten und gewähren niemandem Einblick in ihre Arbeit, weil sie keine Schwäche zeigen möchten und sich womöglich gar ihrer schlechten Noten schämen. Wer aber aus der ewigen Tretmühle der schlechten Noten und Perspektivlosigkeit heraus möchte, dem bleibt eigentlich keine andere Wahl. Geeignete Ansprechpartner sind Kommilitonen, befreundete Juristen – oder natürlich Repetitoren. Es kann schon etwas bringen, sich beim Klausurenkurs eines der großen Repetitoren anzumelden: die Klausuren und Bearbeiter sind in aller Regel von besserer Qualität als an der Universität, und die Bemerkungen der Bearbeiter taugen besser zur Fehlersuche. Das Optimum dürfte jedoch ein Einzelbetreuer sein, der die Zeit und die Muße aufbringen kann, die anliegenden Probleme mit dem Kandidaten eingehend durchzugehen.

Letzten Endes ist jedoch vor allem eines nötig: sich einen Ruck zu geben, es anzugehen und auf Biegen oder Brechen endlich anzutreten. Das ist manchmal sehr schwer, insbesondere dann, wenn man sich lange Zeit nicht getraut hat und die Angst vor dem drohenden Examen immer weiter gewachsen ist. Doch gerade dann ist es wichtig, nicht noch mehr Zeit zu vergeuden und endlich die drängenden Probleme anzugehen; noch wichtiger: den Stillstand zu beenden und eine endgültige Entscheidung herbeizuführen, auf Gedeih und Verderb. Das ist immer noch besser, als noch länger im Larvenstadium zu verweilen und den Absprung einfach nicht zu schaffen. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.

Anmerkungen

Jura Individuell informiert Sie über das erste Staatsexamen. Lesen Sie daher unsere nützlichen Artikel zur Motivation im Studium, über die Organisation und Struktur im Jura-Studium, über die Überwindung von Prüfungsangst und was man gegen Lernprobleme machen kann. Außerdem beschäftigen sich unsere Artikel mit den Themen  des richtigen Lernens im Studium und dem Schutz gegen Überarbeitung  (Burnout)

Des weiteren erhalten Sie Hilfestellungen bei der Vorbereitung und Anfertigung des  Staatexamen (Ablauf, mündliche Prüfung, Die Klausuren, Die Vorbereitung, Examen im Zivilrecht, Examensplan).

Erfahren Sie mehr über die Tradition der Repetitorien, die Geschichte der modernen Universität, das Beamtentum, die Notwendigkeit der Repetitorien bei der Klausur- und Examensvorbereitung, die verschiedenen Formen von Repetitorien, den Ablauf des Individualunterrichtes sowie den Nutzen von ergänzenden juristischen Privatunterricht.

Wir informieren Sie ebenfalls über Crashkurse zur Vorbereitung auf Klausuren und das Referendariat (Der erste Tag, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz).

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