Die Examensvorbereitung im Zivilrecht

Der Entschluss ist gefasst: in Jahresfrist will ich mein Examen machen. Nur wie gehe ich das an? Die zu erarbeitende Stoffmenge ist gigantisch, der Stoff selbst oft trocken und abstrakt, und wer sich mit Klausuren schwer tut, den packt nicht selten die Examensangst. Dem kann man jedoch auf vielerlei Weise entgegenwirken, ganz besonders durch eine gute Selbstorganisation und eine effiziente Strukturierung des Vorbereitungsprozesses.

Das Zivilrecht ist mit Sicherheit das weitläufigste Rechtsgebiet und damit sicher auch zur Vorbereitung dasjenige, bei dem die größte Stoffmenge und Komplexität zu bewältigen sind. Im Folgenden möchte ich ein paar Tipps zusammenfassen, die bei der Vorbereitung hilfreich sein können.

I. Worauf kommt es an?

Jeder Student hat unterschiedliche Stärken und Schwächen, so dass die Frage, worauf es bei der Examensvorbereitung objektiv ankommt und wie die Gewichtungen zu setzen sind, nicht ganz leicht zu beantworten ist. Sicher ist jedoch: Faktenwissen sowie kasuistisches Lernen und Denken werden in den wenigsten Fällen nicht allein zum Bestehen der Prüfung genügen. Beinahe noch wichtiger als das bloße Wissen um den Inhalt der Vorschriften und der Gesetzes- und Behördenstrukturen sind die Fertigkeiten, mit deren Hilfe man dieses Wissen zur erfolgreichen Falllösung und Klausurbewältigung einsetzen und den Prüfern demonstrieren kann, dass man zum Juristen taugt. Kurz: zum Wissen muss auch das Können treten.

1. Was muss man wissen?

Gerade das Zivilrecht umfasst eine unübersehbare Vielzahl möglicher Fallkonstellationen und Rechtsgebiete. Davon sollte man sich jedoch nicht ins Bockshorn jagen lassen, denn mit Hilfe ein paar einfacher Überlegungen und Techniken lässt sich die zu bearbeitende und zu behaltende Stoffmenge auf ein halbwegs überschaubares Maß reduzieren, so dass gerade den Wackelkandidaten mehr Zeit zum Meistern anderer essentieller Fertigkeiten bleibt. Die individuelle Zusammenstellung der Examensvorbereitung ist im Grunde recht einfach und kann mit Hilfe des Ausschlußprinzips und der Gewichtung der Rechtsgebiete erfolgen.

Der Schwerpunkt im Examen liegt nach wie vor ganz eindeutig auf den ersten drei Büchern des Bürgerlichen Gesetzbuches, d.h. dem Allgemeinen Teil, dem Schuldrecht und dem Sachenrecht, während dem Familien- und dem Erbrecht eine eher untergeordnete Bedeutung zugemessen wird. Entsprechend sollte man sich auf die ersten drei Bücher konzentrieren: ohne Kenntnis des Allgemeinen Teils fehlen wichtige Grundregeln, die für das gesamte Zivilrecht gelten, und Schuld- und Sachenrecht sind Brot und Butter beinahe jeder Klausur. In den Nebengebieten werden längst nicht so viele Kenntnisse erwartet, und wer die Systematik der Gesetze und die Arbeit mit dem Gesetzestext (und ggf. dem Kommentar) einigermaßen beherrscht, kann etwaige Lücken auch in der Klausur noch schließen.

Wie bereits erwähnt, wird man mit bloßem Faktenwissen oft nicht weit kommen, denn auch eine gründliche Kenntnis der Gesetze und Vorschriften bewahrt kaum je ganz vor Überraschungen, da die Vorschriften sich ständig ändern und wohl nur ganz wenige einen vollkommenen Überblick über die Gesetzeslage sowie die Meinungen in Rechtsprechung und Schrifttum haben dürften. Es fällt den Prüfern darum meist leicht, unerwartete und unbekannte Probleme aus dem Hut zu zaubern, so dass man Schiffbruch erleiden kann, wenn man diese Klippe nicht mit Hilfe des Gesetzes oder des Kommentars allein umschiffen kann.

In mancher Hinsicht gleicht die Juristerei der Mathematik: durch das Herleiten mit Hilfe grundlegender Strukturen lassen sich viele Probleme lösen, ohne sich den Kopf mit Hunderten von Detailproblemen vollstopfen zu müssen. Diese Grundstrukturen müssen jedoch verinnerlicht sein, da eine Unkenntnis dieser Schlüsselfakten sich in der Klausur kaum noch ausgleichen lässt!

Bekanntermaßen erleichtert ein Blick ins Gesetz die Rechtsfindung. Das ist auch in der Klausur und der mündlichen Prüfung so: je schneller und gründlicher man mit dem Gesetz arbeiten kann, desto rascher kann man wichtige Informationen ergattern und hat mehr Zeit zum Lösen der eigentlichen Probleme. Auch der Blick auf die sogenannte „Idiotenwiese“, d.h. das Register, kann dabei von großem Nutzen sein.

Was muss man können?

Zum erlernten Wissen und den Methoden, es sich aus Gesetz und Kommentar verschaffen zu können, muss auch das Können treten, es in der Prüfung und im richtigen Leben richtig anzuwenden.

Zu den unbedingt erforderlichen Fertigkeiten gehört sicher das korrekte Schreiben einer Klausur (Verweis auf entsprechenden Artikel), etwas, was vielen zu schaffen macht. Aber mit dem Wissen darum ist es nicht allein getan, es muss auch in der Praxis erprobt und durch unermüdliches Üben zur Routine eingeschliffen werden. Deshalb ist es absolut unumgänglich, vor dem Examen SO VIELE KLAUSUREN WIE NUR IRGEND MÖGLICH ZU SCHREIBEN – dazu gibt es einfach keine Alternative. Das ist eine Menge Arbeit, aber wenn man sie konsequent durchzieht – sprich die Klausur schreiben, abgeben und seine Lehren aus den Fehlern ziehen -, ist sie nicht vergebens, sondern ein solides Fundament für das Examen.

Der Gang zum Klausurenkurs gehört damit zu den zentralen Elementen jeder Examensvorbereitung. Sowohl die Universitäten als auch die kommerziellen Repetitorien bieten solche Kurse an, und man sollte mitnehmen, was immer geht. Dabei sind die Kurse der Repetitorien nicht selten besser, aber naturgemäß auch kostenpflichtig. Nicht zuletzt geben sich die Korrektoren bei den kommerziellen Repeititorien mehr Mühe mit der Korrektur, was ein enormer Vorteil bei der Fehlereliminierung ist.

Zum guten Klausurenschreiben gehört nicht nur ein gerüttelt Maß Faktenwissen, sondern auch die richtige Herangehens- und Denkweise. Hier kommt es auch auf Flexibilität an, starres kasuistisches Denken ist eher selten von Nutzen. Wer nur versucht, sich an Musterlösungen anderer Fälle wie an einer Schiene entlangzuhangeln, der wird leicht Schiffbruch erleiden, da jeder Fall anders ist und man leicht in der Luft hängt, sobald Abweichungen von der Musterlösung auftreten. Viel besser ist es, sich jeden Fall neu zu erschließen und aus den verinnerlichten Prüfungsschemata, bekannten Problemkonstellationen und den entsprechenden Vorschriften selbst aufzubauen. Das erfordert mehr Mut und Kombinationsvermögen als das ängstliche Entlanghangeln an auswendig gelernten Lösungen für eine bestimmte Fallkonstellation, ist jedoch deutlich flexibler und gibt einem auch die Werkzeuge in die Hand, mit denen sich unerwartete Probleme und Konstellationen lösen lassen. Je mehr geistige Bewegungsfreiheit man im Dschungel der Paragraphen gewinnen kann, desto leichter lässt sich der Weg zum Ziel ohne Hilfe von außen finden.

II. Repetitorien

Fast jeder Student geht heute zum Repetitorium, was aufgrund der enormen Stoffmenge und der nicht selten fragwürdigen Qualität der Universitätsausbildung grundsätzlich eine gute Idee ist. Auch bei der zumeist praktizierten Massenabfertigung in Kursen mit bis zu dreißig und mehr Teilnehmern lässt sich der Stoff oft gut wiederholen, und es kann sicher nicht schaden, alles mehrmals zu hören. Außerdem gibt es meist brauchbare Skripten gratis dazu, die einem die eigenständige Vorbereitung zu Hause mit übersichtlichen Kompaktdarstellungen und Fällen mit Musterlösung erleichtern. Jedoch haben die großen Kurse gegenüber der Einzelvorbereitung allein oder mit Privatrepetitor auch einen gewichtigen Pferdefuß: es fällt sehr leicht, in der Masse unterzutauchen und auf Durchzug zu stellen, wenn man müde oder das Thema nicht interessant ist und/oder nicht gut präsentiert wird – gute Dozenten sind nicht eben zahlreich. Auch hat man in so großen Kursen oft nicht wirklich die Möglichkeit, sich angemessen zu beteiligen oder auch Fragen zu stellen, ohne den ganzen Betrieb aufzuhalten. Bei den stolzen Preisen, die einem abverlangt werden, sollte man sich deshalb vielleicht überlegen, wo man das Geld für den Repetitor am besten anlegt.

III. Tu, was du hasst

Jeder hat seine individuellen Stärken und Schwächen, so dass die Schwerpunkte der Vorbereitung notwendig auf diese zu konzentrieren sind. Das soll einen nicht hindern, gar nicht mehr an seinen Stärken zu feilen, jedoch sollte man naturgemäß so viele Schwächen wie möglich beseitigen oder in Stärken verwandeln und seine Zeit entsprechend verwenden. Gerade die Dinge, die man hasst, muss man so lange üben, bis man sie beherrscht und dann vielleicht auch nicht mehr hasst.

IV. Zeitplan

Auf welchen Zeitraum die Examensvorbereitung im Einzelfall angelegt werden muss, hängt von zu vielen individuellen Faktoren ab, um guten Gewissens bindende Vorgaben machen zu können. Natürlich ist in mancher Hinsicht die gesamte Studienzeit als Vorbereitungszeit anzusehen, jedoch hat man während des Erwerbs der Scheine schon genug mit den sich daraus ergebenden Aufgaben zu tun und kann nicht auch noch an das Examen denken.

Grundsätzlich kann ich eigentlich nur raten, den Zeitraum der „heißen Phase“ weder zu lang noch zu kurz einzurichten. Gerät die Zeitspanne zu kurz, besteht das Risiko, nicht das ganze Programm zu bewältigen; ist sie aber zu lang, ist es möglich, dass der unvermeidliche Stress sich aufgrund der zeitlichen Dauer verstärkt auswirkt. Bei einer zu langen Vorbereitung droht außerdem die Gefahr, dass man den Stoff, den man zu Anfang durchgenommen hat, am Ende wieder vergessen hat. Realistisch ist ein Zeitraum zwischen sechs und neun Monaten, allerhöchstens ein Jahr.

V. Selbstorganisation

Zu den unumgänglichen Faktoren gehört auch eine effiziente und vor allem realistische Selbstorganisation und Selbsteinschätzung. Dabei geht es nicht nur um das Planen und Strukturieren der erforderlichen Lektionen und Arbeiten, sondern auch um das Unterteilen in handhabbare tägliche Brocken und genügend Ausgleich durch Freizeit und Bewegung, damit man sich weder übernimmt noch zu sehr trödelt. Man sollte sich vor einer zu laxen Arbeitshaltung ebenso hüten wie vor überzogener Paukerei. Daneben sind Körper und Geist natürlich die wichtigsten Instrumente, die nicht nur trainiert, sondern auch gepflegt werden müssen – Auszeiten, Ablenkung und Entspannung sind unerlässlich und mindestens ebenso wichtig wie die Arbeit selbst!

VI. Rechtzeitiges Loslegen

Zu guter Letzt noch ein außerordentlich wichtiger Hinweis: auf keinen Fall sollte man mit dem Gang zum Examen zu lange warten! Der Sprung vom Studenten zum Examenskandidaten ist zwar gewaltig, denn nun geht es um alles, alles wird auf einmal abgefragt, man hat nur zwei Versuche – und nicht zuletzt ist die Angst vor dem Scheitern aufgrund der hohen Durchfallquoten durchaus realistisch. Dennoch ist es besser, beizeiten den Absprung zu finden, als sich lange mit der Entscheidung zu quälen. Es passiert leider allzu häufig, dass Studenten mit der Anmeldung zum Examen zaudern, weil sie das Risiko scheuen und den Tag der Entscheidung immer weiter hinauszögern, um auch ja gut vorbereitet zu sein. Damit erreichen viele jedoch lediglich, dass die Angst vor dem Examen sich mit der Zeit zu einer fast unüberwindlichen Barriere auswächst, so dass sie noch mehr Zeit zum Vorbereiten zu brauchen glauben – ein Teufelskreis, der nur schwer zu durchbrechen ist und dazu führt, dass wertvolle Zeit und kostbare Nervenstärke verlorengehen. Da ist es wirklich besser, früher den Absprung zu finden und die Zweifel zu überwinden, so lange es noch geht.

Anmerkungen

Zur Ergänzung siehe auch die Beiträge in den Kategorien Juristische Ausbildung und Examensvorbereitung.

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