Das Rechtsreferendariat mit Kind

Im Rechtsreferendariat ein Kind zu bekommen ist leider nach wie vor nicht besonders verbreitet. Akademikerinnen werden immer älter und die Risiken in der Schwangerschaft steigen mit dem Alter. Gerade mit dem Jurastudium scheint die Option, jung Mama zu werden, schon von Anfang an ausgeschlossen.  Im folgenden Artikel möchte ich meine Erfahrungen mit Kind im Referendariat teilen.

1. Langes Studium und Einstieg in die Arbeitswelt

Das Jurastudium ist eines der längsten deutschen Studiengänge. Je nach Bundesland beginnt man das Studium mit achtzehn, neunzehn oder auch später, wenn man sich für ein Orientierungsjahr nach dem Abitur entscheidet oder über den zweiten Bildungsweg geht. Regelstudienzeit sind zwischen 8 und 12 Semester und danach folgen zwei Jahre Referendariat. Bis das Arbeitsleben dann endgültig beginnt ist man dann schon gute Mitte/Ende zwanzig oder auch Anfang dreißig, je nachdem ob man sich noch für diverse Auslandsaufenthalte oder Wiederholungen von Scheinen oder Staatsexamen entschieden hat.

Auch ist es bei den Bewerbungsgesprächen nicht immer leicht von seinen Qualitäten zu überzeugen, wenn es im gleichen Alter nicht auch noch einen genauso guten männlichen Bewerber gibt. Denn obwohl ja die „Familienplanungsfrage“ tabu ist, ist es doch jedem Arbeitgeber bewusst, dass Frauen nur ein gewisses Zeitfenster zum Kinder kriegen haben. Das ist nun einmal die Realität. Da nunmehr über Siebzigprozent der Absolventen weiblich sind, wird sich da in Zukunft zwar viel ändern müssen, allerdings ist das Thema trotz alledem noch gegenwärtig.

Warum also nicht schon ein Kind im Referendariat bekommen; sofern natürlich alle weiteren Voraussetzungen gegeben sind.

Ich persönlich habe mein erstes Kind im Referendariat bekommen. War es einfach? NEIN. Habe ich das Examen mit der Note bestanden, die ich mir auch ohne Kind gewünscht hätte? JA. War ich die Einzige, die ihr Kind im Referendariat bekommen hat? NEIN

Leider gibt es bezüglich Schwangerschaft oder Kind im Referendariat nicht viel Infomaterial. Weder im Netz noch bei Gericht wird man besonders schlau. Eigentlich muss man sich alles irgendwie mit Durchfragen und Durchsuchen selbst zusammenstellen und manchmal kommt es vor, dass man sich im Bürokratiedschungel verirrt.

2. Mut und Unterstützung

Ein Kind ist, was das 2. Staatsexamen angeht, kein Hindernis, allerdings gibt es gerade in Sachen Vorbereitungen auf das 2. Staatsexamen einiges zu beachten. Das Referendariat mit Kind ist kein Zuckerschlecken und nichts für schwache Nerven oder Waschlappen. Es gehört eine ordentliche Portion Selbstvertrauen in sein juristisches Können dazu und das Wichtigste ist Mut!

Mut nicht alles zu lernen. Mut sich gegen gegebenenfalls dumme Sprüche der anderen Referendare zur Wehr zu setzen. Mut an sich und sein Können zu glauben, auch wenn man nichts mehr wiederholen konnte. Bei mir war es beispielsweise der Mut auch ohne eine einzige Probeklausur geschrieben zu haben in das Examen zu gehen und sein bestes zu geben.

Die Fälle, in denen Referendare Kinder bekommen haben und die mir bekannt sind, haben alle ein glückliches Ende gefunden. Alle haben das Staatsexamen bestanden. Freunde von mir waren sogar beide Referendare bei ihrem ersten Kind. Konnten sich mit lernen abwechseln und habe es so geschafft. Ich hatte die unermüdliche Unterstützung meines Mannes und meiner Familie, v.a. meiner Mama und meines Bruders. Ich würde behaupten ohne Unterstützung geht es nicht. Ich wüsste nicht wie das funktionieren soll. Mein Mann hatte sich insgesamt 2 Monate Elternzeit vor dem Examen genommen und dann nochmal 3 Wochen Urlaub während dem Examen. Doch auch wenn der Papa zu Hause ist, braucht das Baby vor allem nachts die Mama. Mein Baby hat während den Woche des Examens extrem schlecht geschlafen und ich habe teilweise noch extrem lange jeden Tag vor jeder Prüfung wiederholt, weil ich davor einfach nicht dazugekommen bin. Ich habe die zwei Wochen eigentlich fast gar nicht geschlafen. Irgendwie war ich durch das Adrenalin aber trotzdem während des Schreibens komplett da und irgendwie hat es trotzdem geklappt. Es war also entsprechend anstrengend, aber ich wusste ja es sind 2 Wochen und die pack ich jetzt auch noch!

Würde ich es heute nochmal so machen? Kurz nach dem Examen habe ich „nein“ gesagt. Einfach aus dem Grund, weil ich danach einfach nur noch ein Wrack war. Gerade die letzten zwei Monate vor dem Examen waren extrem anstrengend, weil das alles war, was ich zur Vorbereitung des Examens hatte. Ich bin davor einfach nicht dazu gekommen, mich mehr vorzubereiten. Meine Freundin war da um einiges konsequenter als ich und hatte wirklich jeden Abend, wenn das Baby schlief noch stundenlang gelernt. Das habe ich nicht geschafft, ich war nach den Stunden bei Gericht oder beim Anwalt meistens zu kaputt um mich nochmal hinzusetzen, auch wenn abends das Baby schlief. Ob es an meiner Note etwas geändert hätte bezweifle ich in höchsten Maße. Mir hätte es allerdings so manchen Zweifel und schlaflose Nacht unmittelbar vor dem Examen erspart, wenn ich nicht so ein schlechtes Gewissen gehabt hätte. Aber ich denke das geht auch Examenskandidaten ohne Kind so! Jura ist einfach unendlich und man kann nicht alles können bzw. sich alles merken.

3. Vorbereitung für die 2. Juristische Staatsprüfung

Mein Timemanagement war eher unstrukuriert und Pläne wurden auf täglicher Basis über den Haufen geworfen. Mit Kind ist es einfach nicht immer möglich zu planen, vor allem wenn es noch ein Baby von einem halben Jahr bis ein Jahr ist. Mal hat man eine gute Nacht, mal eine schlechte, mal ist das Baby krank, mal springt der Babysitter ab etc. Das Referendariat mit Kind ist eine Ausnahmesituation, die alles andere als leicht für die ganze Familie ist. Ich bin am Anfang der Verwaltungsstation in Elternzeit gegangen. Hatte also bereits Zivil– und Strafrecht hinter mich gebracht. Vom Zeitpunkt her war das sehr gut, da einem nach der Elternzeit genug Zeit blieb, sich wieder einzuarbeiten und an alles zu gewöhnen und nicht gleich ein paar Monate darauf schon das Examen vor der Tür stand. Ich stieg im Januar wieder ein und Ende November begann das Examen. Allerdings muss ich zugeben, dass ich auch keinen Monat länger mit der Doppelbelastung klargekommen wäre, weil es einfach auf Dauer extrem anstrengend ist. Ich war so froh, als es endlich losging, auch wenn ich mich null vorbereitet fühlte.

Ich fand es extrem wichtig, zu allen Veranstaltungen und Lehrgängen zu gehen, da ich allein durchs Zuhören schon viel gelernt habe und mir die Ratschläge der AG-Leiter und Referenten zu Herzen genommen habe. Dadurch konnte ich auch wirklich die wichtigsten Themen für das Examen herausarbeiten. Zudem fand ich den Austausch mit den Kollegen sehr hilfreich, weil viele meist noch zusätzlich zu einem Privatrepetitorium gingen um Crashkurse, Klausurenkurse, Vertiefungskurse etc. zu besuchen. Ich hatte mich schon zum Start des Studiums entschieden einen Privatrepetitor alle paar Monate zu engagieren, der mir konkret meine Stärken, Schwächen und die wichtigsten Dinge, der jeweiligen Themengebiete aufzeigte. Das ersparte mir natürlich nicht das Lernen, aber ich sparte mir dadurch unendlich viel Zeit und Nerven, weil ich auf den Punkt lernen konnte. Die Kosten dafür hielten sich auch in Grenzen und waren jeden Cent wert. Einen Klausurenkurs oder Crashkurs habe ich nicht gemacht. Die angebotenen Klausuren im Referendariat habe ich soweit möglich mitgeschrieben und fand gerade die Verbesserungen sehr wichtig, um zu sehen wie bestimmte Dinge bewertet werden. Gerade in den Verbesserungen konnte man schnell ein Muster erkennen und es wurde klar, dass auch hier die Basics am Wichtigsten sind.

Während der ersten drei Stationen des Rechtsreferendariats habe ich versucht meine alten Unterlagen für das erste Staatsexamen aufzufrischen und zu verbessern. Ich hatte recht gute Übersichten über die verschiedenen Themengebiete und habe nur noch mit diesen gearbeitet. Alles andere hatte ich weggetan, sonst wäre ich wieder irgendwo in Details verschwunden. Ich habe mich wirklich nur auf die absoluten Basics fokussiert und alles andere versucht auszublenden, denn es kommt einfach noch wahnsinnig viel Stoff dazu, den es ja auch noch zu komprimieren und lernen gilt.

4. Mutterschutz und Elternzeit

Bei mit trat der Mutterschutz gegen Ende der Strafrechtsstation ein, ich hatte schon zeitig dafür gesorgt, dass ich alle Verpflichtungen, wie die nötige Anzahl von Aktenbearbeitungen und Pflichtklausuren abgearbeitet hatte. Ich hatte dann nur ein paar Wochen Unterricht verpasst und mir hier einfach das entsprechende Material kopiert. Nach der Geburt war ich dann fünf Monate zu Hause und habe dann mit dem Jahrgang der zuvor eins hinter mir war wieder angefangen. Auch die Dauer der Elternzeit hatte ich danach gerichtet. Es ist wichtig zu wissen, dass man in das Referendariat nicht einfach wieder einsteigen kann wie man möchte, sondern man muss genau da weitermachen, wo man aufgehört hat. Und die Stationen werden ja nicht beliebig angeboten. Man sollte sich am Besten zeitnah informieren, wann überhaupt die entsprechende Station wieder angeboten wird und den Elternzeitantrag dann auch entsprechend stellen. Ich bin schon sehr schnell wiedereingestiegen, weil ich Angst hatte ich könnte mich sonst gar nicht mehr motivieren es durch zuziehen und für mich war es so auch rückblickend am Besten. Aber das ist Typsache. Während Mutterschutz und Elternzeit habe ich bewusst nicht gelernt, weil mir da die Zeit mit meinem Kind einfach zu wichtig war.

5. Gelder

a. Mutterschaftsgeld

Ab dem Zeitpunkt, in dem der Mutterschutz eintritt, erhält man Mutterschaftsgeld. Ich habe in diesem Zeitraum denselben Betrag wie mein vorheriges Gehalt vom Arbeitgeber weiter bekommen. Dies is jedoch von Bundesland zu Bundesland verschieden. Da müsst ihr euch gegebenenfalls bei eurer Krankenkasse erkundigen.

b. Elterngeld

Das Elterngeld richtet sich nach dem Durchschnittseinkommen der letzen zwölf Monate und muss spätestens drei Monate nach Geburt beansprucht werden. Ich finde es daher bei der Babyplanung je nachdem durchaus sinnvoll mal zu überlegen ob die 12 Monate mit Geburt des Kindes voll sind und ob das Geld dann reicht etc. Wichtig in diesem Rahmen ist es dem Arbeitgeber die Geburtsurkunde zukommen zulassen. Das Mutterschaftsgeld wird auf das Elterngeld in voller Höhe angerechnet.

c. Kindergeld

Der entsprechende Antrag auf Kindergeld wird bei der zuständigen Familienkasse gestellt. Im öffentlichen Dienst wird das Kindergeld mit dem Gehalt ausgezahlt. Dies ist aus der Bezügemitteilung ersichtlich. Hier ist es wichtig im Auge zu behalten, dass sich nach dem Referendariat die Zahlstelle ändert und somit ein Wechsel zur Familienkasse – auf Antrag- stattfinden muss.

d. Famlienzuschlag 

Der Familienzuschlag von knapp einhundert Euro wird auf Antrag ausgezahlt. Soweit der Ehegatte auch im öffentlichen Dienst angestellt ist und sein Arbeitsverhältnis länger als dein Referendariat dauert, sollte jedoch er den Antrag stellen, weil die Zuschläge nur einmal ausbezahlt werden.

6. Unterlagen für die Behörden

Die Referendarsabteilung benötigt möglichst schnell nach der Geburt die Geburtsurkunde. Auch sollte man nochmal klären, wie lang die Elternzeit dauert und sich zeitnah nochmal darum kümmern, ob alles mit dem Wiedereinstieg klappt. Zwar bekommt man auch kurz vor dem Wiedereinstieg eine schriftliche Mitteilung, aber auch hier gab es nach meiner Erfahrung Missverständnisse. Auch wenn bei uns zwischen den Sekretariaten nicht alles rund lief, waren die Damen stets freundlich und bemüht und da es ja auch wirklich nur sehr wenige Informationen gab, konnte man es ihnen nicht verübeln.

Die Geburt muss beim Standesamt angezeigt werden, das einem dann auch automatisch die entsprechenden Kopien der Geburtsurkunde für die jeweilige Behörde mitgibt. Bei unverheirateten Paaren kommt zudem noch ein Gang zum Jugendamt hinzu, um die Vaterschaft anzuerkennen.

7. Station mit Baby

Ich hatte das Glück, meine Eltern vor Ort zu haben, die mir den Kleinen während der AG abgenommen haben. In der Verwaltungsstation haben sich die Pflichtveranstaltungen aber in Grenzen gehalten und ich war eigentlich immer spätestens um halb zwei zu Hause. Ich war während meiner Verwaltungsrechtstation beim Bauamt und beim Jugendamt untergekommen und auch hier hielten sich meine Anwesenheitspflichten in Grenzen. Die Akten konnte ich ohne Weiteres von zu Hause bearbeiten.
In der Anwaltsstation hatte ich mir bewusst eine kleine Kanzlei gesucht und konnte auch hier viel Homeoffice machen. Sonst hatte ich auch wahnsinniges Glück mit meiner neuen AG. Ich wurde sehr herzlich aufgenommen und habe mich im Gegensatz zu meiner alten AG auch viel wohler gefühlt.

Ich kann das Rechtsreferendariat mit Kind nur empfehlen. Es war sogar so gut, dass ich nach dem schriftlichen Teil des  2. Staatsexamens wieder schwanger wurde und die mündliche Prüfung dann im fünften Monat schwanger machte. Natürlich ist die ganze Angelegenheit Typsache; aber Angst davor haben braucht man sicherlich nicht. Im Bezug auf das Lernen für das Examen würde ich sogar sagen, es hilft ungemein sich zu fokussieren und die Dinge nicht so an sich heranzulassen, da Jura eben nicht mehr alles ist.

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