Mündliche Prüfung – 1. und 2. Staatsexamen (Bayern)

Übersicht

A.   Vorbereitungsarbeit für die mündliche Prüfung

B.   Anreise zum Prüfungsort

C.   Wie ziehe ich mich richtig an?

D.   Ablauf der Prüfung und Umgang mit den Prüfern

 

A. Vorbereitungsarbeit für die mündliche Prüfung

Zunächst einmal herzlichen Glückwunsch! Mit dem Bestehen des schriftlichen Examens haben Sie bereits das Schlimmste hinter sich. Mit der Mitteilung Ihrer schriftlichen Prüfungsergebnisse wurde gleichzeitig der Termin für die mündliche Prüfung mitgeteilt, an der Sie jetzt erfolgreich teilnehmen werden:

Bewahren Sie zunächst Ruhe. Sie haben ausreichend Vorbereitungszeit und sich bereits ein reichlich vorhandenes Fachwissen in der langwierigen Examensvorbereitungsphase angeeignet!

Dennoch haben so manche Prüfer Eigenheiten, auf die man sich gezielt vorbereiten kann.

Dazu gibt es die Möglichkeit an den entsprechenden Universitäten gegen eine Kautionsgebühr (ca. 30 – 50 Euro) Einsicht in die Prüfungsprotokolle zu nehmen. Ansprechpartner und Organisator ist dafür üblicherweise die RW-Fachschaft, die rechtzeitig vor Beginn der mündlichen Prüfungstermine die Möglichkeit zur Einsichtnahme anbietet und dies auch üblicherweise mit ausgehängten Plakaten in der RW-Fakultät ankündigt.

Kurz zur Erläuterung: Prüfungsprotokolle sind von ehemaligen Absolventen angefertigte Protokolle über einen Prüfer (oder Mehrere) und die abgeprüften Stoffgebiete.

Während der Einsicht sollte unbedingt Schreibmaterial (Stift und Block) mitgenommen werden, um sich durch die Vielzahl der eingesehen Protokolle durchzuarbeiten und sich die abgeprüften Inhalte zu notieren. Man hat normalerweise nicht die Möglichkeit Kopien anzufertigen. Oft sind die Prüfer protokollfest, was nicht unbedingt heißen muss, dass Sie immer das Dasselbe abprüfen, sondern sich vielmehr in den gleichen Themengebieten bewegen.

Auch im Zweiten Staatsexamen kann man Prüfungsprotokolle einsehen. Diese werden von Alpmann Schmidt als „Protokollkurs zum 2. Staatsexamen“ angeboten und werden an den Prüfungskandidaten per Post zugesendet. Weitere Informationen dazu, sowie ein Anmeldeformular, können auf der Alpmann Schmidt Homepage eingesehen werden.

Neben den Protokollen ist es auch wichtig über die aktuelle Rechtsprechung und tagespolitischen Ereignisse informiert zu sein. Es empfehlen sich für die Rechtsprechung neben den klassischen juristischen Fachzeitschriften (NJW, JuS, Life & Law, AS Rechtsprechungsübersicht) vor allem Internetseiten, die die aktuelle Rechtsprechung aufbereitet haben:

Bei juraxexamen.info (http://www.juraexamen.info) wird die wichtigste, aktuelle Rechtsprechung nach Rechtsgebieten bereits sortiert angeboten.

Interessant für den Prüfungsabschnitt im Strafrecht ist auch die „famos“-Seite (Fall des Monats im Strafrecht) der Humbolt Universität Berlin (http://famos.rewi.hu-berlin.de/famos/), auf der immer ein aktueller Fall aus dem Strafrecht gut aufbereitet angeboten wird.

Im öffentlichen Recht bietet sich immer ein Blick auf die Seiten der Landesanwaltschaft (www.landesanwaltschaft.bayern.de) an, welche aktuelle Entscheidungen aus dem öffentlichen Recht in sehr gut sortierter Weise anbietet.

Daneben sollten man natürlich auch einen Blick auf die Seite des BVerfG werfen.

In Bayern sollte die Süddeutsche Zeitung oder die FAZ täglich auf mögliche relevante Inhalte studiert werden.

Für sehr nervöse Prüfungskandidaten empfiehlt sich die mündliche Prüfungssituation vorher mit Hilfe von Kommilitonen oder Privatrepetitoren durchzuspielen. Das kann Druck nehmen.

Seien Sie aber beruhigt; die Prüfer wissen durchaus, was Sie bereits geleistet haben und werden sich Ihnen gegenüber im Großen und Ganzen sehr korrekt verhalten.

B. Anreise zum Prüfungsort

Es gilt der Grundsatz, dass Sie keine Experimente machen sollten! Wenn Sie nicht mehr an Ihrem Prüfungsort wohnen, reisen Sie bitte einen Tag vorher an und buchen Sie sich ein Hotel z.B. über das HRS-Buchungsportal, das meistens ganz vernünftige Preise anbietet.

Insbesondere beim Zweiten Staatsexamen werden Sie in der Regel für die mündliche Prüfung an das OLG Nürnberg oder OLG München beordert werden.

Planen Sie nicht am Tag der Prüfung mit dem Auto anzureisen. Sie können die morgendliche Rushhour in solchen Städten schwer einschätzen, neben ihrem Fahrkönnen in einer solch angespannten Situation. Bitte muten Sie das nicht Ihren Eltern, Partnern oder Freunden zu. Auch die Bahn ist keine bessere Wahl. Buchen Sie sich ein Hotel mit einem ordentlichen Frühstück, das nicht zu weit weg vom Prüfungsort ist(10 Taximinuten), wenn Sie nicht am Prüfungsort wohnen.

Für den Transport Ihrer ganzen Gesetze empfiehlt sich ein Trolley, dessen Inhalt Sie nochmal am Abend vor Ihrer Prüfung bzw. Abreise kontrollieren.

C. Wie ziehe ich mich richtig an?

Ein gepflegtes Äußeres ist sehr wichtig als zukünftiger Anwalt. Sie verkaufen schließlich eine Beratungsleistung und wollen das Vertrauen Ihres Mandanten gewinnen. Diese Grundsätze gelten auch für die mündliche Prüfung.

Man beachte hierbei den sog. „Dr. Fox-Effekt“:

Amerikanische Sozialpsychologen wollten herausfinden inwieweit die Person und das Äußere Erscheinungsbild eines Referenten auf die Wahrnehmung der Zuhörer Einfluss nimmt. Man ließ hierfür einen Schauspieler namens Dr. Fox über Die Anwendung der mathematischen Spieltheorie in der Ausbildung von Ärzten u.a. vor einem Fachpublikum referieren, obwohl dieser von der Materie keine Ahnung hatte und völlig zusammenhanglos erzählte. Der Schauspieler trat in einem Anzug und äußerst gepflegt auf. Außerdem war er sehr redegewandt. Die Gruppen, die sich diesen Vortrag voller Nonsens angehört hatten, reagierten höchst positiv. Sie nahmen den Referenten als tatsächlichen Experten wahr, stellten Fragen, folgten angeregt der Diskussion. Dass es sich tatsächlich um einen Schauspieler handelte, merkte niemand. Selbst nach Aufklärung der Situation verlangten einige nach weiterführender Literatur zum vorgetragenen Thema.

Man sieht: ein gepflegtes Äußeres und eine angemessene Kleidung sind wichtig.

Der passende Look für den Mann 

Keine Piercings oder Ohrringe! Männer tragen bitte einen ordentlichen Haarschnitt. Achten Sie auf sauber gepflegte Hände. Business-Look ist angesagt!

Als Mann erscheinen Sie bitte in einem dunklen Anzug (keine Kombination, also z.B. blaues Sakko und helle Chinohose). Von stark akzentuierten Nadelstreifenanzügen ist abzuraten. Sie sind weder ein Nachrichtensprecher, noch bei der Mafia. Verwenden Sie einen schwarzen dezenten Ledergürtel dazu. Bitte keine Einstecktücher, da diese zu aufschneiderisch (dandyhaft) wirken.

Ziehen Sie ein weißes oder hellblaues Businesshemd an. Keine lila, rote oder schwarze Hemden – diese Farbwahl gehört in den Freizeitbereich.

Tragen Sie bitte eine passende Krawatte und lassen Sie sich zur Not von einem Herrenausstatter diesbezüglich beraten, wenn Sie Ihrem eigenen Geschmack nicht trauen. Nehmen Sie Ihren Anzug und das Hemd zur Beratung mit und erklären Sie dem Berater für welchen Zweck Sie eine neue Krawatte benötigen.

Achten Sie auf dunkle, passende Socken und auf geputzte Schuhe. Tragen Sie bitte Business Schuhe. Es müssen keine Budapester sein, aber bitte geschlossene Schuhe aus schwarzem Leder. Tragen Sie auf gar keinen Fall Turnschuhe oder Wanderstiefel (hat der Autor schon selbst alles erlebt).

Orientieren Sie sich am Stil von Dax-Vorständen und Deutsche Bank Mitarbeitern.

 Der passende Look für die Frau

Als Frau achten Sie bitte auf ein gepflegtes Äußeres. Ein dezentes Make-Up ist in Ordnung. Auch einen Lippenstift können Sie benutzen, aber bitte keine knalligen Farben. Das lenkt ab und könnte einen falschen Eindruck vermitteln.

Als Frau können Sie neben einem Hosenanzug in den oben beschriebenen Farben auch gerne ein Business-Kostüm tragen. Der Rock sollte nicht zu kurz sein. Bitte vergessen Sie dazu auch nicht die passenden Strümpfe/Strumpfhosen in Hautfarbe anzuziehen. Kaufen Sie unbedingt neue Strümpfe/Strumpfhosen und gleich ein Ersatzpaar (Laufmaschengefahr).

Die dazu passende Bluse sollte schlicht und elegant wirken, weiß oder blau sein. Bitte zeigen Sie möglichst kein Dekolleté. Sie müssen sich aber auch nicht bieder hoch bis zum Hals zuknöpfen. Achten Sie ebenfalls darauf, dass das Oberteil nicht durchsichtig ist.

Gegen Schmuck ist nichts einzuwenden, sofern er dezent gewählt ist. Z.B. eine feine Perlenkette. Es gilt der Grundsatz: weniger ist mehr. Statt Halsschmuck können Sie auch ein farbiges Halstuch tragen. Lassen Sie sich dazu aber bitte beraten und achten Sie darauf, dass dieses vernünftig gebunden ist.

Auf folgender WebSite finden Sie ein paar kurze Anleitungen zum Binden eines Halstuchs: http://www.tasaram.de/binden-hals.html.

Als Schuhe verwenden Sie bitte passende dunkle Damen Business-Schuhe oder Pumps. Bitte keine hohen Absätze. Üben Sie im Zweifel mit den Schuhen ein sicheres Laufen.

D. Ablauf der Prüfung

Sowohl im Ersten Staatsexamen, als auch im Zweiten Staatsexamen findet ein kurzes Vorgespräch (ca. 7 Min.) zwischen jedem Prüfungskandidaten und dem Prüfungsvorsitzenden statt. Die anderen Prüfungskandidaten warten in der Zeit vor dem Prüfungsraum.

In der Regel wird sich der Prüfungsvorsitzende nach Ihren bisherigen Berufserfahrungen (Praktika) und Plänen für die Zukunft erkundigen, ob man zufrieden mit der schriftlichen Note ist, bzw. inwieweit man sich verbessern möchte.

Ob man ihm gegenüber konkret den Wunsch äußern sollte, dass man sich auf eine bestimmte Notenstufe verbessern will, ist eine Geschmacksfrage.

Wenn Sie ein konkretes Ziel haben, prüfen Sie bitte vorher, ob dieses Ziel realistisch ist. Nach den Vorgesprächen beginnt die Prüfung.

Im Ersten Staatsexamen ist für jeden Prüfling eine Gesamtprüfungsdauer von ca. 35 Minuten vorgesehen (§ 32 Abs. III JAPO). Für die Prüflinge im Zweiten Staatsexamen beträgt die Prüfungsgesamtdauer etwa 50 Minuten je Prüfling, davon etwa 15 Minuten für die Prüfung im Berufsfeld (§ 65 Abs. III JAPO). Bei beiden Prüfungen dürfen nicht mehr als fünf Prüflinge gemeinsam geprüft werden.

Meistens werden sowohl im Ersten Staatsexamen, als auch im Zweiten Staatsexamen die Kandidaten der Sitzreihenfolge nach geprüft.

Oft beginnt die Prüfung mit dem Vortrag eines kurzen Sachverhalts, in den sich die Prüflinge „eindenken“ müssen. Ab und zu werden auch mal Unterlagen wie Handakten an die Prüflinge ausgeben. Haben Sie keine Angst davor; oft sind diese sehr einfach bestückt. Nehmen Sie sich die Zeit, die Akte von vorne bis hinten durchzusehen. Bedenken Sie die Aktenheftung: der aktuellste Vorgang ist meist immer auf der letzten Seite. Manchmal bekommen Sie auch eine Art Hilfestellung mit, dass Sie sich gleich nur die erste Seite oder Seite X genauer anschauen sollen.

Fragen, die ein Kandidat nicht beantworten kann, wandern entweder zu seinem direkten Sitznachbarn oder werden für alle freigegeben.

Jeder Prüfling findet an seinem zugewiesenen Sitzplatz Papier vor, auf dem er einen vorgetragenen Sachverhalt mitschreiben kann. Zur Sicherheit sollte man sich auf jeden fall einen eigenen Stift mitbringen.

Wichtig ist, dass man während der Prüfung klar und deutlich spricht. Zudem sollte man auch den Blickkontakt mit dem Prüfer suchen, wenn man nicht gerade mit dem Gesetz arbeitet. Dabei sollte man gerade und aufrecht sitzen.

Stehen vor Ihnen Wassergläser, benutzen Sie diese bitte auch und trinken Sie keinesfalls aus der Flasche. Stellen Sie sich die mündliche Prüfung wie ein Business-Meeting vor und verhalten Sie sich dementsprechend. Bleiben Sie stets aufmerksam am Fall. Es kann sein, dass Sie demnächst etwas gefragt werden. Die Prüfer werden auf Ihr Verhalten achten.

Kennt man die Antwort, sollte man auf keinen Fall einfach reinrufen, sondern sich melden. Dies kann man auch schon machen, wenn die Frage noch nicht freigegeben worden ist, aber schon ersichtlich ist, dass der geprüfte Kandidat die Antwort nicht kennt.

Verhalten Sie sich Ihren Mitkandidaten gegenüber aber stets fair.

Mit dem Prüfer „kommunizieren“ kann man auch, wenn man eine Antwort weiß, indem man ihm direkt in die Augen schaut und leicht nickt.

Während der Prüfung wird es eine Pause von ca. 10 – 15 Minuten geben, in der man sich erholen kann. Man sollte sich ausreichend Getränke mitnehmen und zumindest Traubenzucker oder Schokoriegel für den Blutzuckerspiegel dabeihaben.

Haben Sie keine Panik, wenn Sie Fragen nicht beantworten können. Wenn Sie nicht der 13-Punkte-Plus-Überflieger sind, ist das nur vollkommen normal.

Bitte auf gar keinen Fall direkt sagen, dass man „keine Ahnung“ habe. U.a. werden manchmal Fragen gestellt, bei denen ein Prüfer schon im Grunde die Vorahnung hat, dass sie wohl niemand beantworten kann. Oft hilft argumentieren und eine systematische Herangehensweise weiter.

Wenn Sie eine Frage nicht gleich beantworten können, arbeiten Sie mit dem Gesetz. Kreisen Sie das Problem ein. Rufen Sie sich bekannte Normen ins Gedächtnis, die damit zusammenhängen können. Gerne stellen Prüfer Fragen zu Normen, die sich schon mit einem Blick auf die nächste Seite des Gesetzestextes beantworten lassen. Blättern Sie im Text vor und zurück. Teilen Sie dem Prüfer Ihre Überlegungen mit und versuchen Sie ihn einzubeziehen. Die meisten Prüfer werden dann mit Ihnen zusammen das Problem erarbeiten und wollen im Grunde nur sehen, dass Sie in der Lage sind, sich in ein Problem systematisch einzuarbeiten. In der Regel wird Sie der Prüfer mit gezieltem Nachfragen zu einem Ergebnis hinführen oder die Frage weitergegeben.

Mehr gibt es dazu nicht zu sagen. Versuchen Sie die Empfehlungen umzusetzen und geben Sie einfach Ihr Bestes, dann werden Sie zufrieden die Prüfung verlassen.

Viel Erfolg!

 

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