Lerntipps Teil 1 – Motivation

Im folgenden Beitrag möchten wir Ihnen für Ihr Jurastudium und das Referendariat bewährte Tipps aus der Motivationspsychologie, Hinweise für erfolgreicheres Lernen und zur richtigen Selbstorganisation geben. Die Tipps verstehen sich als unverbindliche und konkret anwendbare „Do’s“ und „Dont’s“ für Ihr großes Ziel. Es gibt zwar keinen „Königsweg“ zu den juristischen Examina, aber einige Tricks und Fallen, die man kennen sollte. Alle Tipps beruhen auf einschlägiger Fachliteratur und wurden von uns mit Erfolg geprüft. Sie können sich von ihnen inspirieren lassen und die Tipps so „individuell“ wie unseren Unterricht in Ihr Studium integrieren. Testen Sie diese einfach ein paar Wochen und geben Sie uns gerne Feedback. Am Ende des Artikels geben wir Ihnen noch Literaturhinweise zur Vertiefung. Teil 1 von 3 dreht sich darum, wie Sie sich besser zum Lernen und Arbeiten motivieren können und mit Niederlagen umgehen sollten. Sehen Sie folgende Tipps als praktische Ergänzung zu unserem anderen Artikel zum Thema Motivation.

Motivation

Das bekannte Problem: „Ich weiß ja, was ich lernen sollte. Aber ich kann mich (heute) einfach nicht dazu aufraffen“, seufzen die einen. „Heute keine Zeit“ und „Abends bin ich immer so k.o.„, entschuldigen sich die anderen. Hand aufs Herz: Hören Sie sich hier auch sprechen, zumindest manchmal? Erfahrungsgemäß kommen die meisten Jurastudenten in den durchschnittlich sieben Jahren bis zum zweiten Examen nicht nur einmal an den Punkt, an dem sie nahe daran sind, die Flinte einfach ins Korn zu werfen. Sie müssen aber nicht verzweifeln. Es gibt durchaus Möglichkeiten, sich selbst wieder aus dem Sumpf der Unlust auf das Lernen zu ziehen. Gibt es denn Techniken, sich selbst besser zu motivieren, mehr Energie zum Lernen zu haben und Leidenschaft fürs Lernen entfachen zu können? Durchaus!

1. Zangen-Technik

Diese vom Juristen und Verkaufsexperten Alexander Christiani empfohlene Technik geht davon aus, dass positive Motivation allein oft nicht ausreicht. Wer sich lediglich vorstellt, ein gutes Examen zu schreiben, verschenkt mit dieser Fantasie rund die Hälfte seines Antriebspotenzials und braucht sich nicht zu wundern, wenn er faul auf dem Sofa sitzen bleibt und die Kaffeepause verlockender ist, als das Kapitel über den Erlaubnistatbestandsirrtum durchzuarbeiten.

Der Mensch hat ein „bipolares“ Antriebssystem: Sie müssen Ihren inneren Antrieb zusätzlich dadurch in die Zange nehmen, dass Sie sich neben den Vorteilen des Aktivwerdens auch die Nachteile weiterer Untätigkeit klarmachen. Je mehr Sie das visualisieren, desto stärker wird ihr innerer Antrieb: „Wenn ich mich jetzt nicht hinsetze, schaffe ich das morgen auch nicht und schreibe eine schlechte Prüfung, darauf habe ich aber erst recht keine Lust!“ Ausprobieren!

2. SMART Ziele setzen

Wenn das Leben keine Vision hat, nach der man strebt, nach der man sich sehnt, die man verwirklichen möchte, dann gibt es auch kein Motiv sich anzustrengen“ (Erich Fromm). Setzen Sie sich also konkrete Ziele, was Sie am Ende des Semesters beherrschen wollen. Etwa: Sachenrecht auf gutem Niveau, BGB AT examensreif lernen, bis in drei Wochen Wasserrecht usw. Der Trick ist aber dabei nicht stehenzubleiben. Agieren Sie nach der S.M.A.R.T.-Formel: Planen Sie zunächst „spezifisch, messbar und terminierbar“: Das heißt bis zu einem konkreten Datum so und so viele Kapitel, Fälle und Zusammenfassungen mit Liste zum Abhaken. Das motiviert. „Anspruchsvoll“ sollten Sie auch sein, indem Sie die Kirschen nicht zu niedrig hängen, um einen Ansporn zu haben. Aber übertreiben Sie dabei nicht, sondern bleiben Sie realistisch. Mit diesen Grundregeln hat man das gute Gefühl, vorwärts zu kommen, was v.a. bei langen Durststrecken angenehmer ist.

3. 10 Minuten Trick

Hier geht es darum, sich selbst zu überlisten, wenn man das Anfangen vor sich herschiebt. Der Trick funktioniert unglaublich gut. Wenn man eine neue Aufgabe angehen muss, dazu aber eigentlich keine Lust hat, weil die Gedanken gerade immer noch über etwas anderes kreisen, hilft es, zu sich selbst zu sagen: „Ok, ich mach das jetzt nur zehn Minuten, dann hör ich wieder auf.“ Damit überlistet man den inneren Schweinehund, der einen oft vom Anfangen abhält. Der Clou dabei ist, dass man nach den zehn Minuten faszinierenderweise doch sitzenbleiben wird. Man „verzettelt“ sich allein dadurch, dass man schon mal drucklos angefangen hat, zu seinen Gunsten.

4. Emotionale Schwankungen annehmen

Bedenken Sie, dass diese unvermeidlich sind. Aus der Umwelt werden immer wieder Belastungen auf Sie einströmen: schlechtes Wetter, Streit mit nahestehenden Personen, richtig schlechte Laune, unangenehme Veränderungen im Job usw. Das gehört aber dazu und trifft jeden. Wenn Sie merken, dass Sie in einem solchen Tief stecken, machen Sie ein Pause und genießen Sie den Zustand, nichts lernen zu können, weil es jetzt eben nicht geht. Die Erfahrung zeigt, dass jedes Tief früher oder später wieder durchschritten ist und Sie mit neuem Elan an die Arbeit gehen können. Diese Erkenntnis entlastet ihr Gewissen von Druck.

5. Energiemanagement

Jeder von uns verfügt über ein begrenztes Tageskontingent an Energie zum Lernen und Arbeiten. Um dieses gut auszunutzen, sollten Sie prüfen, ob es in Ihrem Leben Dinge gibt, die Ihnen unnötig Energie rauben, etwa Streit in der Familie, eine angespannte Beziehung oder schlechte Gewohnheiten wie zu viel Fernsehen, Internet, Smartphone und Co. Es sind also äußere und innere Dinge. Setzen Sie nach außen klare Grenzen und sagen Sie öfter „Nein“. Ihre eigenen Gewohnheiten können Sie selbst ändern, wenn Sie denn wollen.

Tappen Sie auch nicht in die Falle, Ihre Lern- und sonstigen Ziele mit dem „Eisernen Willen“ zu erreichen. Ein solcher wird zwar in der Gesellschaft bewundert und hat schon vielen Menschen geholfen, ihre Ziele zu erreichen. Der Preis dafür ist aber hoch, da ein „eiserner Wille“ ein regelrechter „Energiefresser“ ist. Sie halten extreme Leistungsphasen mit ihm nicht allzu lange durch und setzen Ihre Gesundheit aufs Spiel. Arbeiten Sie lieber langfristig, verteilt und mit Pausen, dafür aber auch konsequent. Sie werden sich wohler und dadurch auch motivierter fühlen.

6. Nicht mit anderen vergleichen

Dies ist ein großes „Don’t“ im Studium: „Marie hat in der Klausur 14 Punkte und ich nur 5, obwohl wir zusammen gelernt haben“, „Markus und ich haben zusammen die Hausarbeitslösung durchgedacht und er hat 11 Punkte und ich nur 7“, „Stephan lernt fast nichts und ist in den Klausuren immer so gut, und ich mühe mich ab und bin deutlich schlechter“ . Das kostet viel Lust, sich weiter reinzuhängen.

Sie tappen hier aber in die „Vergleichs-Falle“. Erinnern Sie sich dann an folgende Weisheiten:

Die Menschen, mit denen man sich vergleicht, vergleichen sich selbst auch mit anderen Menschen. Arbeiten Sie lieber am eigenen Fortschritt, statt nach Perfektion zu streben und permanent enttäuscht zu werden. Sie können nur sich selbst beeinflussen, und langsam aber stetig besser werden (im Lernen, Klausurerfolg und sonst wo im Leben). Nehmen Sie allein sich selbst als Maßstab. Außerdem ist jeder Mensch einzigartig und hat unterschiedliche Voraussetzungen, die Sie im Zweifel nicht wissen oder kennen. Vielleicht hat dem einen Korrektor die Formulierung Ihres Kollegen eben besser gefallen als Ihre, obwohl Sie damit das Gleiche sagen wollten. Oder der Mensch, mit dem Sie sich vergleichen, hatte gerade einen guten Tag, einen wohlgesinnten Korrektor und sich auf diese eine Prüfung besonders gut vorbereitet. Dafür ist er Ihnen aber in einem anderen Fachgebiet vielleicht weit unterlegen. Führen Sie sich das immer wieder vor Augen und bleiben Sie cool.

7. Niederlagen kontern

Eine schlechte Klausur oder sogar eine Reihe davon müssen kein Beinbruch sein. Sie haben immer die Wahl, wie Sie sich dadurch fühlen und darauf reagieren möchten. Ein Pessimist wird sagen: „Das war jetzt die fünfte schlechte Klausur in Folge, ich bin für dieses Studium wohl nicht geeignet und gebe auf.“ Der Optimist, der dasselbe Problem hat, wird dagegen sagen: „Wow, ich habe mich den Klausuren jetzt fünfmal gestellt. Dafür, dass ich wohl falsch gelernt habe, habe ich ne richtige Meisterleistung hingelegt. Ich muss ein Riesentalent sein.“

Neigen Sie durchaus zu leichter Selbstüberschätzung, um bei der Arbeit zu bleiben und weiter erfolgreich lernen zu können. Und machen Sie sich einen Spaß aus schlechten Klausuren und klopfen Sie sich auf die Schulter. Schließlich kann es viele Jahre dauern, bis man den für sich optimalen Arbeits- und Lernablauf entdeckt hat. Und jeder wird am Ende des Studiums bestätigen, dass Niederlagen und schlechte Klausuren den größten Lerneffekt erzeugt haben.

Ein Beispiel: Ein Examenskandidat fiel in einer der letzten Übungsklausuren vor dem ersten Examen mit Pauken und Trompeten durch eine Staatsorganisationsrechtklausur (1 Punkt). Dies war die Initialzündung, dieses Fachgebiet nochmal gut durchzugehen. Als tatsächlich am letzten Examenstag eine ähnliche Klausur in diesem Gebiet gestellt wurde, war das erste Entsetzen zwar groß, doch durch die Erkenntnisse aus der Übungsklausur sprang am Ende eine richtig gute Note raus. Warten Sie also mit der Bewertung von vermeintlichen Niederlagen ab und bewerten Sie „schlechte“ Ereignisse erst aus einem späteren Punkt in der Zukunft. Sie werden staunen, wie sich die Dinge plötzlich relativieren.

8. Stärken stärken

Die Erfahrung und Beobachtungen zeigt, dass viele Studenten Kraft daraus gezogen haben, dass sie bestimmte Fächer zu ihren „Leuchtturm“-Fächern ausgebaut haben. Wer sich etwa mit Leidenschaft in die Strafprozessordnung einarbeitet, dranbleibt, und deshalb irgendwann unvermeidlich große Erfolge feiert, dem bleibt nicht nur dieses Wissen. Er wird umso mehr motiviert sein, auch für ihn deutlich „langweiligere“ und „quälendere“ Fächer wie vielleicht das Allgemeine Verwaltungsrecht durchzuhalten und auch hier dranzubleiben, wenn er immer wieder Kraft aus seinem Spezialgebiet zieht. Bauen Sie also Stärken auf und organisieren Sie die restliche Arbeit in ähnlicher Weise. Sie haben ja den Beweis bekommen, dass Sie es draufhaben.

9. Perspektive ändern und Erfolgstagebuch führen

Wenn Sie seit einiger Zeit länger gefrustet sein sollten und das Gefühl haben, es gehe im Studium (und vielleicht in Ihrem Leben) gerade garnichts mehr so recht voran, verändern Sie die Perspektive: Welche Bedeutung hat diese schlechte Klausur, dieses schlechte Ereignis für mein ganzes Leben? Welche Lebensbereiche sind davon verschont? Wer sich diese Fragen stellt, wird die Notsituation nicht unnötig aufblasen. Damit steigen auch Ihre Chancen, aus der Krise herauszukommen. Zu viel Anspannung wirkt sich nämlich schlecht auf unser Gehirn aus: Wenn der Körper mit Stresshormonen geflutet wird, sinkt die Fähigkeit, kreativ zu denken. Es droht ein Teufelskreis.

Schreiben Sie stattdessen jeden Abend bis zu drei kleinere Ereignisse auf, an denen Sie heute einen (kleinen) Erfolg errungen haben. Man findet immer etwas, und sei es, dass man heute von einem fremden Menschen unerwartet ein Lächeln geschenkt bekommen hat. Schreiben Sie abends gute Noten und erfolgreich erledigte Dinge in ein kleines Erfolgstagebuch und Sie bekommen mit der Zeit den Glauben an Ihre eigenen Fähigkeiten zurück.

Diese Lerntipps sollen Ihnen eine andere Perspektive ermöglichen. Daher wird auch immer wieder empfohlen, sich die „kleinen Dinge“ vor Augen zu halten: dankbar zu sein, für ein Dach über dem Kopf, ein halbwegs gefüllter Kühlschrank, ein Bett, Gesundheit, Familie und Beziehungen und die frische Luft zum Atmen. Vergessen Sie das nicht, wenn Sie im Prüfungsstress stecken und es wird Ihnen bald wieder besser gehen. Denn es gibt wirklich noch wichtigere Dinge als Jura.

10. Quellen/Literaturtipps

Alexander Christiani: 111 Motivationstipps für persönliche Höchstleistungen, Landsberg, München 2002

Martin Krengel: Golden Rules – Erfolgreich lernen und arbeiten: Alles, was man braucht, 4. Auflage 2013

ders.: Bestnote – Lernerfolg verdoppeln, Prüfungsangst halbieren, 2. Auflage, Berlin 2012

Michael Altenhofer: Tu es jetzt – Manifest gegen das Aufschieben, Linz 2012

Wolfgang Fasching: Mental fit im Alltag- 111 Mentaltipps zum praktischen Anwenden, Salzburg, 3. Auflage 2010

Focus-Magazin 48/2014: Die Kraft zum Comeback, S. 100-112.

http://www.thinkinghumanity.com/2014/07/7-things-to-remember-when-you-think-you-are-not-good-enough.html

 

 

 

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