Prüfungsangst als Prüfungsziel

Das Jurastudium stellt einen der herausforderndsten Studiengänge überhaupt dar. Den Kandidaten wird im Examen ein enormes Maß an Fachkenntnissen, Fertigkeiten und Ausdauer abverlangt, die man sich erst erarbeiten muss. Das erfordert viel Arbeit, Hingabe und Entwicklung – und so gut wie niemand kann das alles einfach aus dem Ärmel schütteln. Dass in einer solchen Situation Prüfungsangst entsteht, ist ganz natürlich. In der Rechtswissenschaft steckt jedoch vermutlich mehr dahinter als in anderen Fächern: Die Angst ist auch Ziel der Ausbildung und der Prüfung.

Die zu bewältigenden Anforderungen sind an sich bereits extrem und gleichzeitig eine Besonderheit des Jurastudiums: Am Ende zählt die Examensnote, die auf dem (End-)Zeugnis steht und zwar nur die. In den 6-11 Examensklausuren selbst wird innerhalb von ca. 14 Tagen jeweils aus einer riesigen Bandbreite von Wissen nur ein winziger Bruchteil abgefragt, den man bitteschön im Kopf zu haben hat, denn Kommentare sind (zumindest im ersten Staatsexamen) verboten. Didaktik und Effizienz bei der Ausbildung sind dagegen in den Universitäten und Gerichten scheinbar Fremdworte, so dass man leicht ins Schwimmen kommt und nicht weiß, was – und vor allem wie – man eigentlich lernen soll. Man muss Jahre des Studiums investieren, um bis an den Punkt zu gelangen, sich für das Examen anzumelden und die Wahrscheinlichkeit, die erste juristische Staatsprüfung zu versieben, welche man zu allem Überfluss auch nicht beliebig oft wiederholen kann, ist mit etwa 25% nicht zu vernachlässigen. Zudem sind Benotung und Beurteilung nach Maßgabe anderer Ausbildungsgänge bei etwa 90% aller Kandidaten absolut unterirdisch, was der Motivation nicht förderlich ist.

Daher kann es auch kaum überraschen, dass Jura zu den Studiengängen mit der höchsten Rate von psychischen Erkrankungen zählt, wobei Angsterkrankungen eine wesentliche Rolle spielen. Nicht weniger als 30-40% aller Examenskandidaten haben verstärkt mit Prüfungsangst zu kämpfen, was angesichts der teilweise miserablen Ausbildungsbedingungen an den Universitäten und Gerichten kaum verwundert und den enormen Zulauf der Repetitorien erklärt.

Das ist aber längst nicht alles. Obwohl die beschriebenen Voraussetzungen allein bereits genügen, vielen Kandidaten den Angstschweiß aus den Poren zu treiben, ist davon auszugehen, dass das den Verantwortlichen nicht ausreicht. Vielmehr ist es durchaus wahrscheinlich, dass die Angst und der Druck von Seiten der Prüfer bewusst geschürt werden. Offenbar besteht eines der Ausbildungs- und Prüfungsziele darin, die Kandidaten durch die nervenaufreibende, oft langwierige Prüfungsvorbereitung, die hohen Hürden und nicht zuletzt die zermürbenden Prüfungen an Stress, Angst und Eigeninitiative zu gewöhnen und gleichzeitig diejenigen, die diesen Anforderungen nicht gewachsen sind, auszusieben – frei nach dem Motto „nur die Harten kommen in den Garten“. Oft lautet schon der erste Satz des Professors in der Ersti-Woche „Schauen Sie nach links und nach rechts, diese Kandidaten werden zum Schluss nicht mehr da sein.“.

Entsprechend ist der gegenüber den Repetitoren oft erhobene Vorwurf, die Examensängste aus Gewinnsucht zu schüren, wohl insgesamt als haltlos zu bezeichnen, da dies gleichermaßen unnötig wie schwerlich möglich ist – das erledigen die Universitäten und Prüfungsämter schon allein und das völlig kostenlos.

Die Prüfungsangst ist in der Struktur des Jurastudiums festgelegt, so dass Strategien zu ihrer Bewältigung und das Vermitteln der zum Bestehen der Examina notwendigen Fertigkeiten ebenso selbstverständlich zum Ausbildungsgang gehören sollten wie die Vorlesungen und Klausuren. Es gibt jedoch noch mehr examensrelevante Fertigkeiten, die an der Universität nicht vermittelt werden und ebenfalls Erwähnung finden sollten.

Prüfungsangst als Prüfungsziel

Es ist also möglich, sogar wahrscheinlich, dass die vielen so oft beklagten Hürden in der juristischen Ausbildung wie miserable Ausbildungsqualität, scheinbar willkürliche Themenauswahl, mangelnde Transparenz  bei der Bewertung und niederschmetternde Kommentare der Korrektoren durchaus bewusst aufrechterhalten werden, um den Charakter des Examens als eine Art Mutprobe zum Eintritt in die heiligen Hallen der Justitia zu erhalten: neben den juristischen Fachkenntnissen soll der Prüfling auch seine Fähigkeit beweisen, durchs Feuer zu gehen, um zu beweisen, dass er es wert ist dazuzugehören. Schließlich sollen die erfolgreichen Kandidaten einer Elite angehören, die mit Angst und Stress umgehen können sollte, obwohl dies vermutlich kaum jemand so ausdrücken würde. An der Universität und an den Gerichten kann man vieles lernen, aber nicht den Umgang mit Stress und Angst. Dass solche Spielchen nicht ungefährlich sind, liegt auf der Hand, denn wenn Stress und Angst zu lange andauern, können sie zum gesundheitlichen Risiko werden.

Bei all den Nebelkerzen, die rund um die Ausbildung und die Prüfung abgebrannt werden, ist es dabei umso schwerer überhaupt festzustellen, ob man sich für die juristische Ausbildung eignet oder nicht. Wenn die Dinge schlecht laufen, möchten sich viele nicht eingestehen, dass Jura womöglich nichts für sie ist. Sie versuchen auf Biegen und Brechen, sich durchzuboxen – was zu Depressionen und Schlimmerem führen kann, wenn der erhoffte Erfolg sich nicht einstellen will. Da mancher bereits etliche Jahre in das Studium investiert hat, die bei einem Abbruch sinnlos vergeudet scheinen, kann eine Rückkoppelungsspirale in Gang kommen: es wird immer mehr Zeit für die Prüfungsvorbereitung investiert, aber die Angst, dass es nicht klappen könnte, führt zu einem immer weiteren Hinausschieben der Prüfung. Und so geht dann nur noch mehr Zeit verloren, in der man sich in aller Regel noch weiter in die Angst hineinsteigert. Diese Spirale kann man nicht nur bei „Wackelkandidaten“ beobachten, sondern selbst gute Kandidaten, die scheinbar zu den Überfliegern gehören, zweifeln an sich und schieben die Klausuren vor sich her.

Oft liegt es vielleicht nicht so sehr an mangelnden juristischen Kenntnissen eines Kandidaten, sondern an banalen Formmängeln oder dem Fehlen von Fertigkeiten, die vordergründig nichts mit Jura zu tun haben, ihn aber daran hindern, seine Kenntnisse gewinnbringend einzusetzen. Sowohl das eine wie auch das andere kann zu schlechten Noten führen. Da die gängigen Klausurbewertungen es schwierig machen herauszufinden, was man denn eigentlich falsch macht, kann man sich auch kaum mit Aussicht auf Erfolg der Fehlerbehebung widmen. Mit Glück findet sich dann eine Korrektur, die einem den Weg weist, solche sind aber selten. Und spätestens hier muss der Prüfling aber auch ehrlich zu sich selbst sein und sich seinen Fehlern stellen. Denn Letztlich gehört ein gewisses Maß an Fleiß und Eigeninitiative zu jedem Studium dazu.

Zu den systemimmanenten Schwächen zählt außerdem, dass die Jurastudenten dazu tendieren, einander als Konkurrenten anzusehen und sich nicht ohne Weiteres gegenseitig unterstützen. Außerdem wird über Prüfungsangst und die vielfach miserable Qualität der Ausbildung nicht offen geredet, da man keine Schwäche zeigen will.

Nach der bestandenen Prüfung findet dann meist ein Umdenken auf Seiten der Kandidaten statt, die sozusagen zu den Urhebern ihrer Prüfungspein überlaufen. Statt wie zuvor über die unmöglichen Prüfungsbedingungen zu murren, sonnen sich die erfolgreichen Kandidaten im Glanz ihres Erfolges, schreiben ihn allein ihrer Begabung und ihrem Fleiß zu und erwarten wie selbstverständlich, dass jeder weitere Bewerber, der zu dem erlesenen Club der Juristen gehören möchte, ebenfalls durch dieses furchtbare Trommelfeuer gehen muss, um ebenfalls seine Größe zu beweisen. So ändern sich die Perspektiven und unter diesen Umständen freut sich kaum jemand auf das Examen, vielmehr ist die Furcht vor einem als russisches Roulette empfundenen unheimlichen Ereignis ständig präsent.

Die “geheimen“ Regeln der Angst in der Examensprüfung

Die schwierigsten dieser Hürden, über die niemand offen spricht, lassen sich in sieben Punkten zusammenfassen. Diese gehen stets vom schlimmsten Fall aus, was jedoch im Zweifel nicht schaden dürfte und eher dazu beiträgt, die Kandidaten auf das Kommende vorzubereiten.

1. Die Prüfungsangst ist ein erwünschter und bewusst geschürter Auslesemechanismus. Je erfolgreicher man mit ihm umzugehen weiß, desto besser.

2. Meistens gilt: wer sich auf die Ausbilder und/oder die Ausbildung verlässt, ist verlassen. Didaktik und gute Wissens- und Fertigkeitenvermittlung darf man selbst an den besten Universitäten und Gerichten nicht erwarten, sondern muss sie sich entweder selbst erarbeiten oder anderswo Hilfe in Anspruch nehmen.

3. Es zählen nicht nur Fachwissen und Fachkenntnisse. Mindestens ebenso wichtig sind klassische Tugenden wie Mut, Gelassenheit, Selbständigkeit, Sprachfähigkeiten und Ausdauer.

4. Auch der Eindruck ist wichtig. Je besser man der Angst und dem Druck standhält, oder wenigstens so tun kann, als könne man das, desto besser der Gesamteindruck bei den Prüfern.

5. Fast alle haben Angst vor dem Examen, aber niemand will es zeigen. Schließlich scheinen es „alle anderen“ ja auch zu schaffen… aber dieser Schein trügt, weil niemand darüber reden möchte.

6. Gegen die Angst hilft nur ein Mittel: sich ihr zu stellen und sie zu überwinden. Der einzige Weg, daran vorbei zu kommen, führt mitten hindurch. Wer wagt, gewinnt und besiegt die Angst.

7. Wird die Angst übermächtig, ist es keine Schande, sich professionelle Hilfe zu suchen. Im Gegenteil, es zeugt von Mut und Stärke.

Wichtige Fertigkeiten

Mit Hilfe dieser Stichpunkte lassen sich bereits viele Fallstricke vermeiden. Wer weiß, was auf ihn zukommt, kann sich besser darauf einstellen. Aber selbstverständlich ist es damit nicht getan, für ein Minimum an Fachwissen und die Beherrschung wichtiger Fertigkeiten gibt es keinen Ersatz. Dazu gehören neben Beherrschung der Rechtschreibung z.B.:

– Unabhängige Fallösung ohne Lösungsskizze,

– Routiniertes und erfolgreiches Schreiben von Klausuren jeder Art,

– Gezielte Vorbereitung auf mündliche Prüfungen.

Also: Lasst Euch nicht beirren, und zeigt es ihnen allen! Viel Glück und viel Erfolg!

Anmerkungen

Jura Individuell informiert Sie über das juristische Studium vom ersten Semester bis zum zweiten Staatsexamen. Lesen Sie daher unsere nützlichen Artikel zur Motivation im Studium, über die Organisation und Struktur im Jura-Studium, über die Überwindung von Prüfungsangst, warum man sich für ein Jura Studium entscheiden sollte und was man gegen Lernprobleme machen kann. Außerdem beschäftigen sich unsere Artikel mit den Themen  des richtigen Lernens im Studium, dem Schutz gegen Überarbeitung  (Burnout) und wie man sich verhalten sollte, wenn man durch eine Prüfung durchgefallen ist. Weiterhin geben wir nützliche Tipps  zur Anfertigung einer Klausur oder Hausarbeit  sowie Vorbreitungshilfestellungen für die mündiche Prüfung.

Des weiteren erhalten Sie Hilfestellungen bei der Vorbereitung und Anfertigung der  Abschluss-, Schein-, Zwischenprüfungsklausuren (Zivilrecht, Öffentliches Recht, Strafrecht) und des  Staatexamen (Ablauf, mündliche Prüfung, Die Klausuren, Die Vorbereitung, Examen im Zivilrecht, Examensplan). Wir informieren Sie ebenfalls über Crashkurse zur Vorbereitung auf Klausuren und das Referendariat (Der erste Tag, Bayern, Hessen, Rheinland-Pfalz).

Erfahren Sie mehr über die Tradition der Repetitorien, die Geschichte der modernen Universität, das Beamtentum, die Notwendigkeit der Repetitorien bei der Klausur- und Examensvorbereitung, die verschiedenen Formen von Repetitorien, den Ablauf des Individualunterrichtes sowie den Nutzen von ergänzenden juristischen Privatunterricht.

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